1948: „Sorgen um die Sicherheit“ – „Zahlen des Elends“

Archiv Sonderblatt 1/2008

von Michael Utecht

An vielem mangelte es der Bevölkerung vor 60 Jahren – nur kriminelles Potential gab es damals mehr als den meisten lieb war. Einbrüche waren in den Nachkriegsjahren an der Tagesordnung und die Hannoversche Presse (HP) machte sich 1948 „Sorgen um die Sicherheit“ (Die HP war neben dem einmal wöchentlich erscheinenden „Peiner Anzeigen-Aushang“ eine der hier verbreiteten lokalen Tageszeitungen; die PAZ erschien noch nicht).

Die Täter hatten es weniger auf Gold und Geschmeide abgesehen. Oben auf der Liste standen vielmehr jene raren Objekte, die im alltäglichen Leben gefragt waren: Kohlen, Kleidung, Kaninchen, Nahrungsmittel aller Art und in jeder Form – sei es roh oder gekocht, für den Eigenbedarf oder den Verkauf auf dem Schwarzmarkt. „Nahrhafte Beute“ wurde z.B. in der Stederdorfer Straße gemacht: „Nahrungsmitteldiebe schlugen nachts die Fensterscheibe des Kühlraums bei dem Schlachtermeister Schlüter … ein und gelangten dadurch in den Laden, wo sie mehrere Zentner Fleisch- und Wurstwaren entwendeten“ (HP, 13.3.1948). Und in Telgte: „Aus einem Gartenhause an der Hannoverschen Heerstraße wurden nachts neun Kaninchen und fünf Hühner gestohlen“ (HP, 13.3.1948).

Es gab „Glasfachmänner“ in Peine: „Einbrecher entkitteten nachts an der englischen Offiziersmesse ein Fenster und stahlen einen großen Radioapparat, acht Tischdecken und vier Tafeltücher“ (HP, 10.6.1948). Und es gab „Feinschmecker“ in Neu-Oelsburg: „Die Diebe, die nachts in das Lebensmittelgeschäft Weber einbrachen, wußten, was gut schmeckt. Sie stahlen 80 Kilo Margarine, 50 Kilo Schmalz, 35 Kilo Butter und 12 Kartons Trockenobst; zum Nachtisch 72 Packungen Sprengel-Pralinen und schließlich noch zur besseren Verdauung 47 Pakete Tabak“ (HP, 10.6.1948).

Die „Peiner Kohlenplünderer“ hatten sich inzwischen zu „Fachleuten“ entwickelt und aufgrund „ihrer langen Praxis schon ganz erhebliche eisenbahntechnische Kenntnisse erworben. Das Ziehen der Bremsringe seitlich an den Güterwagen und das Verstellen von Signalen sind für sie Kleinigkeiten. Jetzt wurde das Überfallkommando alarmiert, weil wieder einmal ein Kohlenzug rettungslos blockiert war […] Die Polizei war sofort zur Stelle, konnte aber leider nur noch zusehen, wie die Eisenbahner sich um das Lösen der Bremsen mühten“ (HP, 15.4.1948).

Gärten erhielten immer wieder gern nächtlichen Besuch, ob in Vöhrum: „600 Kartoffelstauden wurden einem hiesigen Invaliden von seinem kleinen Acker gestohlen“ (HP, 22.6.1948); oder an der Peiner Sedanstraße, wo man „halbgrüne Kartoffeln, Gemüse und Obst ausgrub und abriß“ und dabei die gesamte Anlage ruinierte. (HP, 15.6.1948).

Die scheinbar rücksichtslosen Raub- und Diebeszüge werden begreiflicher, bedenkt man die miserable Versorgungslage, die durch den Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen noch verschärft wurde. 47.450 Flüchtlinge registrierte man im Kreis Peine Ende 1947 und ließ davon 17.700 in 5.600 Haushaltungen durch Amtsärzte überprüfen. „Zahlen des Elends“ waren die erschrekkende Bilanz: „Für 2974 Flüchtlinge fehlten Betten, 4796 hatten keine warme Oberbekleidung, 7301 kein Paar brauchbare Schuheund   keine Wäsche zum Wechseln“ (HP, 10.2.1948). Die „hoffnungslose Statistik“ offenbarte eine heute kaum vorstellbare Misere. Natürlich gab es Hilfsmaßnahmen, Spendenaktionen und öffentliche Einrichtungen zur Linderung schlimmster Not. Flüchtlings- und Wohlfahrtsausschuss kümmerten sich um drängendste  Probleme, gewährten finanzielle Beihilfen und Unterstützung. In der Peiner Gemeinschaftsküche wurden im Februar 1948 täglich 4.100 Essensportionen gekocht. 

Polizeiarbeit unter erschwerten Bedingungen
„Die Spitze aller Delikte hält der Diebstahl von Vieh“ meldete die HP am 3.1.1948; 451 Fälle wurden notiert, gefolgt von schwerem Diebstahl (363 Fälle) und Fahrradklau (193 Fälle). 1.255 Straftaten wurden im Kreis Peine insgesamt für das Jahr 1947 registriert (HP, 26.2.1948). Gleichzeitig war die Einsatzkraft der Ordnungshüter durch akuten Personalmangel und kümmerliche Ausrüstung stark beeinträchtigt: „Nur 10 Prozent der Mannschaften sind mit amerikanischen Pistolen und 40 Prozent mit englischen Gewehren ausgerüstet, während die Diebesbanden oft über Maschinenpistolen verfügen.“ Schlecht bestellt war es auch um die Motorisierung. Defekte Kraftfahrzeuge waren „behelfsgemäß stillzulegen“, da für die Reparatur kein Geld vorhanden war. (HP, 24.8.1948).

1948: „Sorgen um die Sicherheit“ „Zahlen des Elends““
1948: „Sorgen um die Sicherheit“ „Zahlen des Elends“
1948: „Sorgen um die Sicherheit“ „Zahlen des Elends“
Barackenlager in Telgte: Abrissarbeiten 1959
1948: „Sorgen um die Sicherheit“ „Zahlen des Elends“
1948: „Sorgen um die Sicherheit“ „Zahlen des Elends“

Mangelnde Straßenbeleuchtung erleichterte lichtscheuen Elementen ihr nächtliches Treiben: „Von den 400 Gaskandelabern sind in den letzten Jahren 100 umgefahren worden; an allen anderen sind die Glaskuppeln zerschlagen. Ohne Kompensation gibt es keine Ersatzteile. Außerdem ist auch Gas knapp“ (HP, 26.2.1948). Teilweise hatte man es mit regelrechten Diebesbanden zu tun. Im Februar 1948 konnte einer besonders dreisten Gang das Handwerk gelegt werden. Die vorzugsweise auf Butter spezialisierten Banditen hielten u.a. auf einsamen Kreisstraßen Milchwagen an, „bedrohten notfalls den Fahrer mit der Pistole und schafften so jedesmal 30 bis 40 Kilo Butter beiseite“. Die Jakobikirche hatte ebenfalls ihr Interesse geweckt: „In abenteuerlichen Klettertouren über das Kirchenschiff hinweg brachen sie zweimal in den Keller der Peiner Jakobikirche ein und raubten 43 Care-Pakete“ (HP, 28.2.1948).

Lager „Albany“
Zahlreiche Einbrüche und Diebstähle in der unmittelbaren Nachkriegszeit gingen auch auf das Konto ehemaliger Zwangs- und Fremdarbeiter, die in sogenannten „Ausländerlagern“ untergebracht waren. Eines davon war das vorrangig von polnischen Familien bewohnte Lager „Albany“ in Telgte, das allerdings schon Anfang 1948 geräumt wurde. Die Wohnbaracken wurden umgehend zur Unterbringung von Flüchtlingen hergerichtet – soweit dieselben noch vorhanden waren: „Wertvolle Baracke verheizt“ meldete die HP am 7.2.1948. Wie festgestellt werden musste, war „eine der 150 Personen fassenden, unterkellerten und mit Waschräumen versehenen Baracken fast völlig abgerissen und verheizt worden“. Die Stadt hatte für den Bereich der Lager keine rechtlichen Befugnisse und war machtlos, wenn fortziehende Ausländer Inventar mitgehen ließen, wie Bürgermeister Braune im Rat am 19.2.1948 berichtete: „Als vor einigen Wochen die dort [im Lager Albany] einquartiert gewesenen Serben das Lager verlassen sollten, nahmen sie Betten, Spinde und Öfen mit. Der rechtzeitige Einspruch der Stadt bei der Besatzungsmacht [war] ohne Erfolg.“ 75.000 Mark bewilligte der Rat für die Instandsetzung der Barakken. Die Arbeiten hatten kaum begonnen, als „teure Jungenstreiche“ erneut für Zerstörung sorgten: „Eine Gruppe von fünf bis sieben Jungen benutzte die Fensterscheiben des Barackenlagers „Albany“ als Zielscheibe für ihre Zwillen und konnte dank ihrer Treffsicherheit auch mehrere Fenster zertrümmern. Beim Eintreffen des alarmierten Überfallkommandos war die Gruppe allerdings längst mit Indianergeheul verschwunden“ (HP, 15.6.1948).

Jugendkriminalität und Schulnöte
Um das Image der Jugendlichen stand es ohnehin nicht zum Besten. In der Bevölkerung sprach man viel von „verbrecherischer Jugend“. Ein Vorurteil, das die HP durch Zahlen und Fakten zu entkräften suchte. 48 Fälle waren 1947 vor dem Amtsgericht Peine verhandelt worden. 12 wurden mit Gefängnis bestraft, bei den übrigen beschränkte man sich auf gerichtliche Erziehungsmaßnahmen (Geldbuße, Ermahnung oder Wiedergutmachung). Im Vergleich zur Kriminalitätsrate in Vorkriegszeiten (vier Gefängnisstrafen) war zwar ein leichter Anstieg zu verzeichnen, doch herrschten nun auch gänzlich andere Umstände. In der Nachkriegzeit mangelte es vor allem an der vorsorglichen Betreuung der entwurzelten, eltern- und heimatlosen Jugendlichen. Wie eine Statistik der „Städtischen Oberschulen“ ausweist, war die Notlage, in der sich viele Kinder und Jugendliche befanden, wenig ersprießlich: Von „1048 Schülern und Schülerinnen sind 270 Flüchtlinge, von denen 30 noch nicht einmal das für Flüchtlinge auf sechs Mark ermäßigte Schulgeld aufbringen können. […] 21 Schüler müssen selbst arbeiten. Vier Kinder haben keinerlei Angehörige mehr, 95 keinen Vater. 66 Schulkinder müssen ihr Bett teilen und 37 besitzen keine Zahnbürste“ (HP, 9.3.1948).

Neben staatlichen Hilfen, wie etwa der Schulspeisung, versuchten die Schulen durch Eigeninitiative die Probleme wenigstens zu mindern. Man führte Sammlungen durch und erwirkte Erziehungsbeihilfen für begabte Schüler. „Die Schulen richteten einen Aufenthaltsraum ein für Fahrschüler und Kinder, die in ihrer häuslichen Enge nicht arbeiten können“ und sorgten für eine gerechte Verteilung der Schulspeisung (HP, 9.3.1948).

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine – Rep 08: Ratsprotokolle Febr. 1948; Hannoversche Presse, 1. Halbjahr 1948; Peiner Anzeigen-Aushang, Juni/Juli 1948; Niedersachsen, Streiflichter aus 50 Jahren. Hannover 1996 

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2008“ 1948: „Sorgen um die Sicherheit“ – „Zahlen des Elends“