Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"

Archiv Sonderblatt 3/1999

von Michael Utecht

Insgesamt 950 Pflanz-Weiden hatte der Magistrat der Stadt Peine im Frühjahr 1757 aus Bründeln und Wathlingen bezogen und – die städtischen Kämmereirechnungen belegen es – dafür 13 Taler 32 Groschen aufgewendet.

Einem Teil der Weiden war jedoch nur ein kurzes Dasein beschieden. In der Nacht vom 14. zum 15. April „waren die auf dem Windmühlenwall an den Stadtgraben gesetzten jungen Pflanzelweiden, ohngefähr 6 Schock (= 360 St., Anm. d. Verf.) bis nach dem Hohen Thore hin aufgezogen, ruiniret und zum Theil in den Graben geworfen worden“. So
Bürgermeister Creydt in seinem umfassenden und eindringlichen Bericht an die Regierung in Hildesheim.

Creydt hatte umgehend den Ratsdiener Schultzen zum Obristwachtmeister und Vizekommandanten Garzia geschickt, der in der damaligen Garnisonsstadt Peine für den Bereich am Hohen Tor am Gröpern zuständig war. Von diesem erhoffte er sich Hinweise, „wann und von wem dieser Frevel begangen sey“.

Die Antwort war unvermutet eindeutig: „Er, der Obristwachtmeister hätte solches befohlen und thun lassen, maßen der Wall ihm mit anvertrauet wäre, mithin könnte er nicht gestatten, daß derselbe dadurch ruiniret und die Weiden zu weit hereingesetzet, weil das Ufer des Grabens dadurch verdorben werde und was dergleichen mehr.“

Für den Bürgermeister gab es keinen Zweifel: Der Obristwachtmeister hatte sich unzulässigerweise in städtische Belange eingemischt, „umso mehr, da es heimlich und bei nächtlicher Weile geschehen“. Außerdem seien „die Weiden zur Befestigung des Ufers mehr dienlich als schädlich.“ Creydt forderte deshalb die Stiftsregierung auf, Garzia zu
befehlen „alles wieder in vorigen Stand zu setzen, auch alle ferneren Turbationes (= Störungen, Anm. d. Verf.) und Beeinträchtigungen (zu) unterlaßen.“

Noch ehe der Bericht Hildesheim erreicht hatte, gab es erneut Grund zur Klage: Von seiten der Stadt hatte man „die aufgezogenen Weiden, so viel man derer gleich wieder (hat) habhaft werden können, in die Erde und vorigen Stellen gesteckt, damit die Stämme nicht vertrocknet“.

Natürlich war man äußerst verärgert, daß „die folgende Nacht darauf alle diese Stämme von neuem aufgezogen und ganz mitten entzwei gehauen, folglich ganz unbrauchbar gemacht wurden.“

Unverzüglich wurde in einem neuen Schreiben dargelegt, welcher Schaden der Allgemeinheit zugefügt worden war und gefordert, „verursach- ten Schaden und Kosten zu ersetzen“

Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"
Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"
Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"
Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"
Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"
Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden "aufgezogen und ruiniret"

In der Tat dienten die Weiden nicht nur zur Uferberfestigung. Weidenholz wurde vorrangig- zur Befestigung der meist sumpfigen Wege um die Stadt benötigt. Und das war nicht immer eicht zu beschaffen: Da „im ganzen Amte Peine nur wenig Holtzung befindlich … brauchen die Einwohner ihre für denen Dörffern stehende Weiden selbst … sind also nicht vor Geld zu bekommen“. Schon gar nicht „bey jetzigen Geldmangel leidenden theueren Zeiten“.

Dafür schien man in Hildesheim Verständnis zu haben und wies den Vizekommandanten Garzia an, binnen 14 Tagen eine Stellungnahme abzugeben. Die Frist verstrich, und die Peiner faßten sich in Geduld, ehe sie im September ein drittes Mal zur Feder griffen. Es galt, dem Anliegen mehr Nachdruck zu verleihen und ältere städtische Berechtigungen nachzuweisen.

Tatsächlich konnte man „auf fleißig Nachsuchen in städtischer Registratur“ einen Präzedenzfall ermitteln. Bereits 1697 hatte ein gewisser Capitain Lieutenant Listmeyer „auf dem Wall stehende Weiden abhauen lassen“. Damals beschwerten sich die Peiner erfolgreich; denn aus Hildesheim erhielt Listmeyer den Befehl, „daß er nicht nur die abgehautte Weyden uns verabfolgen laßen, sondern auch künftig sich nicht mehr daran vergreifen solle“.

Auf einen ähnlichen Bescheid wartete man in Peine 1757 aller-dings vergebens. Ein letztes Schreiben, verfaßt im Juli 1758, wurde offensichtlich nicht einmal mehr beantwortet. Anscheinend verlief die Angelegenheit – Garzia wird’s gefreut haben – im Sande; nicht zuletzt durch die Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763), der auch in Hildesheim neue Prioritäten setzte und die „abgehauenen Weiden“ ins Hintertreffen geraten ließ.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine: RF 245 Nr. 17; Kämmereiregister 1757

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Telefon: 05171/49-538 | Fax: 05171/49-390
Internet: www.peine.de

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 3/1999“ Am Windmühlenwall: Frisch gepflanzte Weiden „aufgezogen und ruiniret“