„…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus

Archiv Sonderblatt 2/2009

von Michael Utecht

Zahlreiche Zipperlein quälten den Peiner Dichter in seinen späteren Lebensjahren und machten ihm oft arg zu schaffen, hinderten ihn zeitweise sogar am Schreiben: Gesundheitliche Probleme, die nicht zuletzt von den teilweise extremen klimatischen Bedingungen in den Kaukasusländern herrührten. Vom Herbst 1843 bis 1845 lebte er in Tiflis, der „gartenreiche[n], bergumragte[n] Hauptstadt von Georgien“. Hier unterrichtete er am Gymnasium, studierte und erkundete Sprache und Kultur Georgiens, unternahm ausgedehnte Reisen in die angrenzenden Länder – und hatte bisweilen extreme Temperaturen zu überstehen. Im Sommer herrschte geradezu glühende Hitze: „Durch die schon im Mai beginnende und über vier Monate anhaltende drückende Hitze werden in Tiflis verhältnismäßig alljährlich eben so viele Menschen hingerafft, als wenn an anderen Orten irgend eine bösartige Seuche wüthet. […] Die durchschnittlich höchste Temperatur blieb bis zu Anfang September 25 º R[eaumur]. [=31,25º C] im Schatten.“

Dieser auf Dauer nur schwer erträglichen Glut konnte er wenigstens zeitweise entfliehen, indem er immer wenn es möglich war, längere Ausflüge in das Gebirge unternahm. Denn Tiflis ist von „kahlen Bergen eingeschlossen“, was dazu führt, dass die Temperatur „selbst während der Nacht nur um wenige Grade abnimmt, so daß es fast zur Unmöglichkeit wird in geschlossenen Zimmern zu schlafen, und Jeder, wer es irgend einrichten kann, sein Lager auf dem Söller, dem Balkon oder der Galerie des Hauses aufschlägt.“

Leider hatte Bodenstedt das Pech, in einem „nach europäischer Weise“ gebauten und damit dem Klima unangemessenen Haus zu logieren, „während die Wohnungen der Georgier durch ihre eigenthümliche (an Süditalien und Griechenland erinnernde) Bauart und Einrichtung den wirksamsten Schutz gegen die Hitze bieten.“ Bodenstedts Vermieter war der armenische Fürst Tumanoff, der „obschon ein Landeseingeborener“, offensichtlich als fortschrittlich gelten wollte und seinem Anwesen zumindest nach außen „einen europäischen Anstrich zu geben bemüht gewesen war.“ Immerhin gab es eine „schattige Galerie, womit er das Haus umzogen hatte“ und worauf der Peiner Dichter „während der heißen Jahreszeit fast ausschließlich wohnte und schlief“ – und lernte: Hier ließ er sich von einem Mirza (Schriftkundiger) namens Schaffy unterrichten, der auf der Galerie die „Schule der Weisheit“ eröffnete – exklusiv für Bodenstedt und hin und wieder einigen Gästen aus dem engeren Bekanntenkreis. 

In Tiflis hielten sich noch weitere Deutsche auf, jedoch war Bodenstedt, wie er selbst anmerkt, der Einzige, „der sich mit orientalischen Sprachen beschäftigte.“ Als erstes fing er „bei der tatarischen an, weil diese für den Verkehr mit der vielsprachigen Bevölkerung des Landes die wichtigste war. Man konnte sich überall damit verständlich machen, wo das Russische nicht ausreichte. Jedem Perser und Armenier war das Tatarische geläufig und die meisten Georgier verstanden wenigstens etwas davon.“

Zurück zu den Unbilden des Wetters: Normalerweise sollten im Winter eher gemäßigte Temperaturen dominieren – Bodenstedts Aufenthalt fiel allerdings ausgerechnet in eine Phase der Wetterkapriolen. Ausgiebige Erfahrungen mit schneidender Kälte hatte er bereits auf der mehr als 1500 Kilometer langen Anreise von Moskau sammeln dürfen. Der Aufbruch nach Tiflis hatte sich bis Mitte Oktober verzögert – „der ungünstigsten Jahreszeit“ – und die Fahrt wurde alles andere als ein Vergnügen: Es gab bereits „starke Nachtfröste und Schneefälle, während am Tage, wo die Sonne wieder durchbrach, ein unergründlicher Schmutz herrschte, in welchem selbst das rüstigste russische Dreigespann sein Traben verlernen konnte.“

In Tiflis nun hatte Bodenstedt unter anderem Bekanntschaft gemacht mit dem Sprachwissenschaftler und Orientalisten (später auch Diplomaten) Dr. Georg Rosen: „Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, über die Bibliothek im uralten Kloster Etschmiadsin am Fuße des Ararat zu berichten. Die langen Osterferien gestatteten mir, ihn auf der Reise nach Armenien zu begleiten, welche größtentheils zu Pferde und mit Kosakeneskorte zurückgelegt wurde. Diese Reise gehört zu den denkwürdigsten Erinnerungen meines Lebens.“

Aufgebrochen war man „bei heiterem Himmel und dem wärmsten Sonnenschein“. Doch „als wir zu Ende März über Eriwan unsere Rückreise nach Tiflis antraten, herrschte auf der Hälfte des Weges eine Kälte, daß wir am zweiten Tage buchstäblich dem Tode des Erfrierens nahe waren. Die Senghi [eigentl.: Sanga; armenischer Fluss] war so stark zugefroren, daß man Schlittschuhe darauf hätte laufen können; eine über zwei Fuß hohe Schneeschicht bedeckt die ganze Araxes-Ebene, und die Obstbäume in den Gärten, welche schon bei unserer Ankunft in voller Blüte standen, hatten ihren Frühlingsschmuck wieder von sich geschüttelt und ließen traurig ihre Häupter hängen in tiefwinterlicher Umhüllung. Obgleich plötzliche Wetterveränderungen im armenischen Hochlande nichts seltenes sind, so konnten sich doch die ältesten Väter des Klosters
nicht entsinnen, eine so entsetzliche Kälte um diese Jahreszeit erlebt zu haben.“

„…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus
„…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus
„…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus
Friedrich von Bodenstedt und Mirza Schaffy
„…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus
„…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus

Trotz der widrigen Witterung und entgegen aller Warnungen hatte man sich – in Begleitung einiger Kosaken – auf den Heimweg gemacht und wie zu befürchten war, ging es „von Anfang an langsam, und allmählich immer langsamer voran, da Kälte und Schneegestöber, das ein eisiger Wind uns ins Gesicht trieb, zunahmen, je höher wir im Gebirge kamen, wo keine Spur eines Weges zu entdecken war. Die Pferde versanken oft bis an den Leib im Schnee und blieben zuletzt ganz darin stecken. Die Kosaken konnten uns
nicht mehr helfen: sie hatten uns einer nach dem andern verlassen, […] während wir bei grimmiger Kälte allen Qualen des Erfrierens ausgesetzt blieben, bis ein Zustand völliger Erstarrung eintrat. Im jämmerlichsten Zustande wurden wir […] zurückgebracht, wo wir nun doch, unter ärztlicher Pflege, so lange bleiben mussten, bis der Weg über das Gebirge wieder frei war.“

Der ungeplante Zwangsaufenthalt in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, hatte freilich auch sein Gutes: „Wir empfingen Besuche von der ganzen christlichen und islamitischen Geistlichkeit der Stadt, und unsere Mappe wurde durch manches werthvolle Andenken bereichert.“ So brachte man nicht nur „Frostbeulen und Gliederschmerzen, sondern auch eine Menge Manuskripte mit“, darunter eine Sammlung armenischer und tatarischer Volkslieder.

Zurück in Tiflis saßen die Sprachforscher bald wieder „versammelt um Mirza Schaffy, im Divan der Weisheit“ und „entzifferten gemeinschaftlich die auf der Reise gesammelten Inschriften“. Einige Mitbringsel für den Mirza vom Bazar in Eriwan wurden von diesem „erwiedert durch ein von seiner eigenen Hand geschriebenes Heft, betitelt: ‚Der Schlüssel der Weisheit‘, und unsers Lehrers ganze Weltanschauung, theils in kurzen Kernsprüchen, theils in längern Abhandlungen, enthaltend. […] Er schrieb dazu eine Vorrede, gleichsam um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, dass er seine größtentheils spielend gemachten Verse zu Papier gebracht, denn im Grunde legte er trotz des überall durchklingenden Selbstlobes, wenig Gewicht darauf. Wenn es je einen Menschen gegeben, der Thaten höher schätzte als Worte, so war es Mirza Schaffy.“ Zweifelsohne hatte die Reise nach Armenien ungemein viel „Belehrendes, Schönes, Erhebendes“ für Bodenstedt geboten; daneben aber auch ein nachhaltiges „Erkältungsleiden, welches ich mir dabei zugezogen“. In den im Jahre 1888 veröffentlichten „Erinnerungen aus meinem Leben“ geht er nicht ohne Grund noch einmal darauf ein, dass er das schwere „Erkältungsleiden“ seinerzeit et- was zu voreilig „durch die heißen Schwefelbäder von Tiflis […] für glücklich überwunden“ gehalten hatte: „Es hat mir jedoch so schlimme Nachwehen gebracht, die immer noch fortdauern, dass ich es als Ursache vieler Leiden, die mich oft und lange im Arbei- ten gestört haben, in meinen Rückblicken nicht ganz unerwähnt lassen darf.“

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine; Bodenstedt, F.: Tausend und ein Tag im Orient, Bd. 1, Berlin 1850. Bodenstedt, F.: Erinnerungen aus meinem Leben, 2. Aufl., Berlin 1888

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2009“ „…dem Tode des Erfrierens nahe.“ Friedrich von Bodenstedt im Kaukasus