Die jüdische Gemeinde in Peine vom Mittelalter bis 1942

Archiv Sonderblatt 2/2003

von Jens Binner

Geduldet – Geachtet – Vernichtet

Bereits im Mittelalter existierte eine jüdische Gemeinde in Peine. Sie durfte sich allerdings nicht innerhalb der schützenden Stadtmauern ansiedeln, sondern erhielt lediglich
das Wohnrecht in der damals noch selbständigen Dammgemeinde. Erstmals urkundlich erwähnt werden die Peiner Juden im Jahr 1350, damals bereits aus Anlass ihrer Verfolgung. Der erste namentlich bekannte Peiner Jude ist Sloman van Peyne, der 1379 in den hildesheimischen Stadtrechnungen erwähnt wird. Ab 1457 wurden die Juden aus dem Hochstift Hildesheim vertrieben, so dass im März 1458 keine Juden mehr in Peine wohnten.

Nachdem gegen Ende des 16. Jh. den Juden wieder das Wohnrecht im hildesheimischen Stiftsgebiet gewährt worden war, wurde 1603 Nathan Schay erlaubt, vom Moritzberg bei Hildesheim auf den Damm vor Peine überzusiedeln. Er ist damit der Wiederbegründer der jüdischen Gemeinde in Peine. Bereits 1619 wird erstmals eine jüdische Schule erwähnt, obwohl noch 1633 erst 5 jüdische Familien auf dem Damm wohnten. Die Gemeinde vergrößerte sich bis zum Ende des 17. Jh. jedoch stetig bis auf 140 Juden. Zentrum des Gemeindelebens war das Haus Damm 12. Vermutlich 1714 wurde hier im Garten die Synagoge neu erbaut, die sich vorher in der Schlossstraße befunden hatte. Im Vorderhaus waren der Unterrichtsraum der jüdischen Schule und spätestens seit 1708 auch die Mikwe (Badehaus) für die rituellen Waschungen untergebracht. Der Friedhof auf dem Telgter Vorwerksland wird 1728 erstmals erwähnt. Ob sich bereits die mittelalterliche Begräbnisstätte hier befand, ist nicht erwiesen.
Das Zusammenleben zwischen Christen und Juden verlief auch in Peine nicht konfliktfrei, nachdem bereits die Ansiedlung von Nathan Schay nur unter Protest des
Magistrats und des Superintendenten Wiedemann erfolgen konnte. Zwischen 1618 bis 1622 verdächtigte man die Juden als Urheber eines großangelegten Betruges mit minderwertigen Münzen. 1725 und 1775 wird über Schändungen des jüdischen Friedhofes berichtet. Offene Ausschreitungen gegen die jüdische Gemeinde, wie an
anderen Orten, sind in Peine aber nicht nachweisbar.

Nachdem seit Mitte des 18. Jh. ein Unterrabbinat in Peine bestand, erhielt die Gemeinde 1785 das Recht, ein eigenständiges Rabbinat einzurichten. Zu diesem Zeitpunkt waren 34 jüdische Familien hier ansässig. Nach der Errichtung des Königreiches Westphalen1807 während der französischen Besetzung wurde die allgemeine Emanzipation der Juden verkündet. Ein Jahr später erhielten sie die Möglichkeit, sich in der Stadt Peine anzusiedeln und dort das Bürgerrecht zu erwerben. Die ersten, die dieses Recht in Anspruch nahmen, waren Isaac Seelig, Seelig Fürst und Lemmel Salomon. In der Folge versuchten vor allem jüdische Kaufleute, diese Chance zu nutzen, um ihre Geschäftsmöglichkeiten zu verbessern und die Bedeutung des Dammes als „Judenviertel“ ging verloren. 1833 wohnten von den insgesamt 211 Juden 133 auf dem Damm und bereits 78 in der Stadt, und kurzzeitig gab es auch zwei Vorsteher der Synagogengemeinde. Der Magistrat betrachtete diese Entwicklung im Interesse der christlichen Kaufleute mit Sorge. Nachdem 1843 erstmals mehr Juden in der Stadt (107) als auf dem Damm (101) wohn- ten, sprach sich der Magistrat gegen den weiteren Zuzug aus und bemerkte, dass die „Breite oder Handelsstraße“ bald zur „Judenstraße“ werde und „die Juden die herrschende, die Christen die dienende Nation“ werden könnten. Auch die Kauf- mannsgilde legte wiederholt Einspruch gegen die weitere An- siedlung jüdischer Kaufleute im Stadtgebiet ein.

Bis 1900 nahm die Zahl der Juden bis auf ca. 130 ab. 1907 wurde die neue Synagoge in der Bodenstedtstraße (heute Hans- Marburger-Straße) eingeweiht. Mit ihrer Größe und Lage war sie ein Symbol für das gestie- gene Selbstbewusstsein und den Integrationswillen der Gemeindemitglieder. 1920 errichtete die Gemeinde einen Gedenkstein für die jüdischen Gefallenen des Ersten Welt- krieges auf ihrem Friedhof.

Die Jüdische Gemeinde-Vom Mittelalter bis 1942
Die Jüdische Gemeinde-Vom Mittelalter bis 1942
Die Jüdische Gemeinde-Vom Mittelalter bis 1942
Die Jüdische Gemeinde-Vom Mittelalter bis 1942
Die Jüdische Gemeinde-Vom Mittelalter bis 1942
Die Jüdische Gemeinde-Vom Mittelalter bis 1942

Nach 1933 wurden auch in Peine die antisemitischen Maß- nahmen des nationalsozialistischen Regimes umgesetzt. Zum 01. April 1933 wurde ein Boykott sämtlicher jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte organisiert, der bei den betroffenen Firmen schwere wirtschaftliche Schäden verursachte. Bereits vor der sogenannten „Reichskristallnacht“ im November 1938 sahen sich viele jüdische Kaufleute gezwungen, ihr Geschäft zu verkaufen. Betroffen -waren davon auch die beiden größten Kaufhäuser mit jüdischen Besitzern, das Manufaktur- und Modewarengeschäft Spiegelberg in der Rosenthaler Straße und das Einheitspreisgeschäft „Brunsviga“ am Marktplatz. 

Ungeachtet der zunehmenden Entrechtung und täglichen Schikanen stellt die sogenannte „Reichskristallnacht“ einen besonderen Einschnitt dar, da sie den Übergang zur offenen Gewaltanwendung markiert. In Peine wurden am 10. November 1938 die Wohnungen der jüdischen Familien gestürmt und verwüstet und alle jüdischen Männer verhaftet. In der Synagoge in der Bodenstedtstraße wurde der damals siebzehnjährige Hans Marburger ermordet. Die Inneneinrichtung der Synagoge wurde zerstört und
Feuer gelegt, das schwere Schäden an dem Gebäude verursachte. Den daraufhin von der Stadtverwaltung verfügten Abriss musste die jüdische Gemeinde bezahlen. Nach diesen Ereignissen wurden die letzten jüdischen Geschäfte „arisiert“ und viele jüdische Einwohner emigrierten.

Die endgültige Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Peine erfolgte 1942. Im Mai wurden die noch von Juden bewohnten Häuser und Wohnungen zwangsweise geräumt
und die Bewohner in Baracken in der Woltorfer Straße untergebracht. Von dort erfolgte die Deportation in die Vernichtungslager und Ghettos in Osteuropa. Nach 1945 bildete sich keine jüdische Gemeinde mehr in Peine. Die Erinnerung an sie wird durch verschiedene Gedenkorte wachgehalten: Das zentrale Mahnmal, an dem auch die alljährliche Gedenkveranstaltung an die „Reichskristallnacht“ stattfindet, befindet sich seit 1948 am ehemaligen Standort der Synagoge in der Hans-MarburgerStraße. Am Damm sind die ehemaligen Wohnhäuser von Sally Perel, dessen Schicksal als „Hitlerjunge Salomon“ auch verfilmt wurde, und Hans Marburger mit einer Gedenktafel versehen. Ebenfalls am Damm wurde ein Bronzebuch aufgestellt, das grundlegende Daten zur Geschichte der jüdischen Gemeinde verzeichnet. Im Peiner Ortsteil Telgte liegt der jüdische Friedhof, auf dem ein Denkmal zur Erinnerung an die Vernichtung der Juden zwischen 1933 und 1945 errichtet wurde. 

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine: RF 11, RF 23, RF 24, RF 28, RF 103, Abt. C F340, Abt. C F 566, Abt. C F 567, Rep 06/266, Rep 06/271, Rep 06/982. Jens Binner: Die neue Synagoge in Peine 1907 – 1938 (Kreismuseum Peine, Führungsblatt Nr. 16), Peine 1999. Bernd-Detlef Mau u. Christiane Schikora: Die Geschichte der Peiner Juden unter
besonderer Berücksichtigung der Zeit von 1933 bis 1945 (Mschr.), Peine ca. 1980. Artur Zechel: Die Geschichte der Stadt Peine, 3 Bde., Peine 1972 – 1982

Stadt Peine | Stadtarchiv | Windmühlenwall 26 | 31224 Peine
Telefon: 05171/49-538 | Fax: 05171/49-390
Internet: www.peine.de

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2003“ Die jüdische Gemeinde in Peine vom Mittelalter bis 1942 Geduldet – Geachtet – Vernichtet