Die „Niederlegung der Bastion“ 1896

Archiv Sonderblatt 1/2016

von Michael Utecht

Der nordöstliche Teil des Schlossberges, die sogenannte „Bastion“, erstreckte sich einst nahe der Stederdorfer Straße bis an die heutige Burgstraße. Die rund vier Meter hohe Aufschüttung war Teil der historischen Wallanlage der Burg und im 19. Jahrhundert eine von den Peinern geschätzte kleine Grünanlage am Stadtrand. Alte Linden spendeten Schatten und am Fuße des Walls – im Verlauf der Burgstraße – dehnte sich der „Heller“. So hieß ein Rest des alten und zu einem Teich verbreiterten Burggrabens, in dem sich die Fische tummelten.

Dieses Idyll wurde 1896 beseitigt. Allein pragmatische Gesichtspunkte zählten: Eine neue Straße und eine Realschule (das heutige Ratsgymnasium) sollten gebaut werden. Als Baugrund ins Auge gefasst hatte der Magistrat – oberstes Gremium der Stadtverwaltun mit Bürgermeister Gustav Wagenschein an der Spitze sowie den drei Senatoren Voges, Otto und Krawehl – den Bereich rund um den „Heller“. Schließlich hatte die Stadt das Gelände nicht ohne Grund im Jahre 1893 vom Fiskus erworben.

Zunächst galt es einen Verbindungsweg zwischen Rosenhagen und Schloßstraße herzustellen: Was lag also näher, als die Bastion abzutragen, um mit dem Erdreich den Teich zu verfüllen, darauf die Straße anzulegen und anschließend daneben die Schule zu bauen? – Aus heutiger Sicht ein kaum nachvollziehbarer Frevel.

Die Pläne wurden zuerst am 14. Januar 1895 verhandelt, in der gemeinschaftlichen Sitzung von Magistrat und Bürgervorsteherkollegium, den Vertretern der Bürgerschaft. In der Sitzung war noch keine Rede davon, dort eine neue Schule zu bauen. Die Peiner Zeitung berichtete zwei Tage später detailliert über die Debatte und den Antrag zur „Niederlegung der Bastion“, den der im Vorjahr zum Bürgermeister gewählte Gustav Wagenschein vortrug: „Nachdem die Bastion mit dem Heller und dem Schloßgarten angekauft sei, müsse man sich fragen, was man mit den Grundstücken anfange. Der Magistrat spreche sich dafür aus, daß eine Straße vom Schloßthor nach dem Rosenhagen angelegt werde, aber heute handle es sich nur darum, die Bastion niederzulegen und die Erde in den Heller zu werfen oder aber die Bastion als einziges geschichtliches Zeichen, welches wir noch haben, zu erhalten. Es sei ja richtig, daß man solche Denkmäler erhalten müsse, wenn sie irgend welchen historischen Werth hätten, der sei aber leider nicht vorhanden und deshalb müsse die historische Frage gegen die Zweckmäßigkeit zurücktreten. Der Magistrat stehe deshalb auf dem Standpunkte, auf jeden Fall die Bastion niederzulegen, um dann ein besseres Bild zu haben, was ferner geschehen solle.“

Abtragung der Bastion als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
Stadtbaumeister Engelke gab eine Übersicht „über die zu leistende Arbeit und bat die Kosten mit 2000 Mark zu bewilligen“. Für die schnelle Inangriffnahme des Projekts hatte er noch ein schlagendes Argument parat: Damit könne „dem Nothstande der arbeitenden Bevölkerung abgeholfen werden.“

Aus den Reihen der Bürgervorsteher (Bv.) regte sich indes Widerstand. Bv. Hartjenstein sah „für arbeitslose Leute eine weit bessere Beschäftigung. […] Der Magistrat solle doch den Schnee abfahren lassen, nicht nur in der Altstadt, sondern überall, dann sei schon Beschäftigung geschaffen.“ Außerdem hielt er es „nicht für richtig, daß die Bastion der Zweckmäßigkeit geopfert werden solle, wenn auch Mauerreste und sonstiges nicht vorhanden sei, so liege doch ein historischer Werth darin, der bei dem Fehlen von sonstigen Zeichen aus alter Zeit nicht zu unterschätzen sei. Mit diesen Ansichten könne er, wie er wisse, aber doch nicht durchdringen, deshalb wolle er dieselben nicht weiter ausführen.“ Auch Worthalter Seckel, Vorsitzender der Bürgervorsteher, wandte sich gegen das Vorhaben und meinte: „Der Schloßwall sei eine von den wenigen Promenaden, die wir haben.“

Ein klarer Befürworter der sofortigen Abtragung war hingegen Bv. Rahlenbeck, der es für richtig hielt, dass „es jetzt geschehe, da durch die Schaffung von Arbeitsgelegenheit zur Winterzeit die Armenkasse entlastet würde.“ Bv. Meyer dagegen erklärte, dass von denen, „die der Armenkasse zur Last fallen, niemand dabei sei, der hierbei beschäftigt werden könne.“ Die Debatte endete mit der Vertagung dieser Angelegenheit. Die Bürgervorsteher berieten das Vorhaben am 18. Januar und beschlossen – gegen die Stimmen von Worthalter Seckel, Bv. Hartjenstein und Bv. Meyer – den Antrag, die Bastion abzutragen anzunehmen, wenn „der geplante Verbindungsweg zwischen dem Rosenhagen und Schloßthor geschaffen wird.“

Die „Niederlegung der Bastion“ 1896
Die „Niederlegung der Bastion“ 1896
Die „Niederlegung der Bastion“ 1896
Die Bastion in Peine von der Nordwestseite 1875
Die „Niederlegung der Bastion“ 1896
Stadtplan 1891 mit Bastion und Heller (Ausschnitt)

Beschluss zur „Niederlegung der Bastion“
Der endgültige Beschluss wurde in der nächsten gemeinschaftlichen Sitzung der städtischen Kollegien am 30. Januar 1895 gefasst. Erneut gab es eine längere Diskussion. Bürgermeister Wagenschein machte nun konkretere Angaben zu den Bauplänen des Magistrats: „projectiert sei […], an Stelle der Bastion die Realschule zu errichten.“
Einwände erhoben jetzt insbesondere die Dammbewohner – zu diesen zählte auch Bv. Hartjenstein. Allerdings beklagten sie weniger den Verlust eines historisch bedeutsamen Areals. Sie befürchteten vor allem eine Zunahme des Verkehrs, der die Anlieger des Dammes durch die neue Verbindung Rosenhagen–Schloßstraße belasten würde. Aber vergebens: Der Beschluss, die Bastion abzutragen, wurde „vom Magistrat einstimmig“ und „vom Bürger-Vorsteher-Collegium mit 6 gegen 3 Stimmen unverändert angenommen.“

Nun konnte es den Bürgervorstehern nicht schnell genug gehen: Gleich in ihrer nächsten Sitzung beschlossen sie, „den Magistrat zu ersuchen mit der Niederlegung der Bastion sofort zu beginnen und die Bäume auf derselben zu verkaufen“. Doch vorerst musste man sich noch ein wenig gedulden. Wie der Magistrat den Bürgervorstehern mitteilte, war „seitens der Einwohner der vormaligen Dammgemeinde der Beschluß der städtischen Collegien auf Niederlegung der Bastion und Durchführung der Straße vom Rosenhagen zum Schloßthor beim Bezirksausschuß angefochten worden.“

Genehmigung des Regierungspräsidenten – trotz grundlegender Bedenken
Und nicht nur das: Man brauchte dazu die Genehmigung des Regierungspräsidenten. Dessen Antwortschreiben datiert vom 6. Mai 1895. Ausdrücklich betont der Regierungspräsident, dass er „dem Magistrat dringend empfehle, nochmals gefälligst zu erwägen“, ob sich nicht „ohne die Niederlegung der Bastion, welche im Interesse der Schönheit jener Stadtgegend lebhaft zu beklagen wäre, das geplante Straßenprojekt durchführen ließe.“ Indes wolle er – trotz der grundlegenden Bedenken – „seine Genehmigung nicht versagen“. Zum Umdenken konnte der mahnende Appell des Regierungspräsidenten den Magistrat freilich nicht bewegen.

Der seinerzeit in der Stadt Peine aktive „Verschönerungsverein“ hielt sich im Übrigen aus der Angelegenheit völlig heraus. Wie einer Sitzungsniederschrift zu entnehmen ist, hatte man sich intern nicht einigen können: „Über das stehen bleiben oder fallen der Bastion gingen die Meinungen der Mitglieder sehr auseinander, und wurde ein Resultat nicht erzielt.“

In der Peiner Bevölkerung war das Vorhaben sicher ebenso strittig, zumindest stieß es nicht auf einhellige Begeisterung. Vermutlich hätten viele gern die Bastion als einmaliges stadtgeschichtliches Relikt behalten und weiter als Promenade genutzt. Davon zeugt nicht zuletzt ein neunstrophiges Gedicht „Zur Erhaltung der Bastion“, verfasst von O. Molck und abgedruckt in der Peiner Tagespost im März 1895. Darin finden sich u. a. die Zeilen „Laßt daher dies Denkmal stehn / Wie es uns die Väter ließen / Langgewohnten Pfad zu gehn / Kann doch keinen sehr verdrießen: / Altes, das sich noch bewährt / Sei von Kindern hoch geehrt.“ Letztlich auch dies eine vergebliche Mühe – das Schicksal der Bastion war bereits besiegelt. Nur eine kleine Galgenfrist blieb, da Einsprüche der Dammbewohner das Projekt verzögerten. Am 17. Januar 1896 meldete die Peiner Zeitung, „daß die Einsprechenden zurückgewiesen sind. Wie wir hören, soll nun die Abtragung bald beginnen.“ In der Tat ging man unverzüglich ans Werk, wie einer knappen Zeitungsnotiz vom 4. Februar zu entnehmen ist: „In voriger Woche sind von der Bastion die Linden entfernt.“

Im März kam „Die sterbende Bastion“ gleichsam selbst in der Zeitung zu Wort mit einem gereimten „Abschied an meine Freunde“ (Auszug): „Sie griffen zu, sie brachen meine Linden, / Sie warfen um mein grünes Kleid das Loos, / Mein Körper muß im Heller Ruhe finden, / Mit solcher That da preisen sie sich groß.“

So versank die Bastion allmählich im Heller. Über die Erdmassen dieses einstigen städtischen Kleinods führt heute die Burgstraße.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, AF 22, Nr.6 u. Nr.7; Rep 06, Nr.341; Peiner Zeitung, 16.01. / 01.02.1895; 17.01. / 04.02. / 22.03.1896; GS2-M 227 u. 229

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2016“ Die „Niederlegung der Bastion“ 1896