Die Reichspogromnacht in Peine

Reichskristallnacht - Kristallnacht - Kristallnacht-Pogrom

„Am Donnerstag, dem 10. November 1938 gegen 10.15 Uhr wurde die Freiwillige Feuerwehr zur Gothestraße (Synagoge) alarmiert“, heißt es im offiziellem Brandbericht der Feuerwehr.

Wie in ganz Deutschland, wurden auch in Peine alle jüdischen Männer verhaftet, die Geschäfte geplündert, die Wohnungen verwüstet und die Synagoge durch SS-Männer aus Peine und Braunschweig in Brand gesteckt. Die Feuerwehr musste sich darauf beschränken, die Nachbargebäude zu schützen, so dass der Brand erst gegen 22.00 Uhr abends als gelöscht gemeldet werden konnte. Die Synagoge war zwar ausgebrannt, aber nicht vollständig zerstört. Dennoch verfügte die Stadt Peine den Abriss des Gebäudes und erlegte der jüdischen Gemeinde unter ihrem damaligen Vorsteher Louis Fels die Kosten auf. Die Ruine der Synagoge blieb noch bis zum Ende der Abrissarbeiten Anfang Juli 1939 ein Symbol für das Schicksal der jüdischen Bürger. Die Reichspogromnacht in Peine forderte auch ein Todesopfer. 

Der 17-jährige Hans Marburger wurde zunächst in seinem Elternhaus am Damm 37 verhaftet. Aufgrund seines jugendlichen Alters sollte er jedoch wieder entlassen werden. Stattdessen nahmen ihn die SS-Angehörigen mit zur Synagoge, wo er erschossen wurde. In der Nacht warf man seine verkohlte Leiche bei der Rosenthaler Brücke in den Mittellandkanal , um die Spuren zu verwischen. 

Auf dieser Informationstafel sind im weiteren zu sehen: 

  • Hans Marburger als Schüler der Wallschule im Jahr 1936
  • Unter dem Titel „Brandruine wird abgerissen“ veröffentlichte die Peiner Allgemeine Zeitung am 7.12.1938 einen Presseartikel und schrieb dazu. „Die Abrissarbeiten zogen sich noch bis Juli 1939 hin“.
  • Das Schreiben der Stadtverwaltung vom 26.11.1938 mit Verfügung zum Abriss der Synagoge. Unterschrieben von Stadtbaurat Tänzer. (Stadtarchiv Peine)
  • Die ausgebrannte Synagoge am 11. November 1938. Die Mittelkuppel als zentrales tragendes Element hatte dem Feuer standgehalten.
  • Schreiben des Vorstehers der Synagogengemeinde, Louis Fels vom 2.11.1938, in dem er die Auftragserteilung für den Abbruch der Synagoge mitteilt. (Stadtarchiv Peine)
Die Reichsprogromnacht in Peine
Die Reichsprogromnacht in Peine
Die Reichsprogromnacht in Peine

1907 – 1938

SYNAGOGE

ZERSTÖRT DURCH 

BRANDSTIFTUNG

AM 10./11.11.1938

KRISTALLNACHT

HANS MARBURGER

GEBOREN

AM 28.5.1921

UMGEKOMMEN

AM 10.11.1938

KRISTALLNACHT

Die jüdische Gemeinde in Peine

1350 – Ersterwähnung von Juden in Peine, 1457/58 – Vertreibung der Juden aus dem Hochstift Hildesheim, 1603 – Wiederansiedelung von Juden in der Vorstadt Damm, 1619 – Ersterwähnung einer jüdischen Schule, 1714 – Ersterwähnung der Synagoge im Garten des Hauses Damm 12, 1728 – Ersterwähnung des jüdischen Friedhofs in Telgte, 1808 – Recht zur Ansiedlung in der Stadt Peine; die ersten Juden erwerben das Bürgerrecht, 1839 – höchste nachgewiesene Zahl von Juden in Peine (210, davon 137 auf dem Damm und 73 in der Stadt), 1900 – In Peine leben 134 Juden, 1907 – Einweihung der neuen Synagoge, 1912 – Eröffnung des „Simon´schen Seminars für Gartenbau und Handfertigkeit“ (am heutigen Krankenhausgelände), einer Nebenstelle des Seminars in Hannover-Ahlem, 1920 – Einweihung des Gedenksteines für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf dem Friedhof in Telgte (Paul Mosheim, Adolf Eichbaum, Paul Weitzenkorn, Fritz Rothfels), 1933 – der Boykott am 1. April markiert auch in Peine den Beginn der systematischen Entrechtung und Verfolgung der Juden, 1938 – Reichspogromnacht am 10. November: die Synagoge brennt nieder, Hans Marburger wird ermordet, 1942 – im April/Mai werden die letzten jüdischen Bürger aus ihren Wohnungen vertrieben und in die Vernichtungslager deportiert.

Auf dieser Informationstafel sind im weiteren zu sehen: 

  • Die Alte Synagoge im Garten des Hauses Damm 12
  • Gebetsraum der Alten Synagoge am Damm 12. 
  • jüdischer Friedhof in Telgte, ca. 1920
  • Kennkarte von Louis Fels aus dem Jahr 1939 (Stadtarchiv Peine)
  • Schuhgeschäft Fels, Breite Straße 15, beschmiert mit antisemitistischen Parolen, ca. 1938.
Die Reichsprogromnacht in Peine
Die Reichsprogromnacht in Peine
Die Reichsprogromnacht in Peine

Gedenken nach 1945

Im März 1947 legte der Vertreter der Juden für Stadt und Regierungsbezirk Hildesheim Siegfried Gross Protest gegen die Pläne der Stadt Peine ein, den Synagogenplatz gärtnerisch herzurichten und dort einen Sandspielkasten aufzustellen: 

„Als Vertreter der Juden im Regierungsbezirk Hildesheim lege ich auf das allerentschiedenste Verwahrung gegen diesen Beschluss ein, indem ich gleichzeitig meinem grössten Erstaunen darüber gebe, dass die Stadtverwaltung von Peine so geringe Rücksicht für die Gefühle ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger zeigt.“

Ferner bestritt er die Rechtmäßigkeit des 1942 erfolgten Erwerbs des Synagogengrundstückes durch die Peiner Heimstätte.

Stattdessen forderte er die Errichtung eines Gedenksteins und wurde hierbei vom Central Jewish Committee Bergen-Belsen unterstützt, das eine Gestaltung nach dem Vorbild des Jüdischen Mahnmals auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers Bergen-Belsen empfahl. 

Im Juni 1947 beauftragte die Stadt Peine daraufhin den Bildhauer und Architekten Fritz Filipschak mit der Erarbeitung eines Entwurfs. Die verharmlosende Inschrift „…von unberufenen Händen zerstört“ war bereits damals umstritten. 

Siegfried Gross hatte diesen Vorschlag zurückgezogen und „unberufen“ durch „frevelhaft“ ersetzt. Weil die Stadt Peine die Korrektur nicht umgesetzt hat, weigerte sich Gross, eine offizielle Einweihung des Demkmals vorzunehmen. 

Ende der siebziger Jahre wurden im Eingangsbereich des Synagogenplatzes zwei Tafeln zur Erinnerung an Hans Marburger angebracht. Jeweils am 9. November wird den ermordeten Peiner Juden mit einer Kranzniederlegung gedacht. 

Auf dieser Informationstafel sind im weiteren zu sehen: 

  • das Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem jüdischen Friedhof in Telgte
  • „Stolpersteine“ für Käte und Max Herzfeld, bis 1936 Eigentümer des Kaufhauses „Brunsviga“ am Markt 1
  • Hinweistafel am Haus Damm 1 mit den Lebensdaten von Sally Perel
  • Hinweistafel am Haus Damm 37
Die Reichsprogromnacht in Peine
Die Reichsprogromnacht in Peine
Die Reichsprogromnacht in Peine

Hinweistafeln zum Thema: Aufgestellt zum 100jährigen Jubiläum der Einweihung der neuen Synagoge am 30. August 2007 durch die Stadt Peine, Texte: Dr. Jens Binner und Martina Staats, Gestaltung: Dr. Ralf Holländer, Kreisheimatbund Peine e.V., Abbildungen: Stadtarchiv Peine, Privat

Stand: 12/2020