Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße

Archiv Sonderblatt 3/2016

von Michael Utecht

Drei bedeutende Projekte bewegten die Stadt Peine im Jahre 1866: Die Inbetriebnahme des ersten städtischen Gaswerkes an der Glockenstraße, die Grundsteinlegung für die neue katholische Kirche und der Bau der Zuckerfabrik an der Ilseder Straße.

Am 17. Januar 1866 erfolgte der Startschuss für die Rübenverarbeitung in Peine: Dem Aufruf, Aktien für die zu gründende Fabrik zu zeichnen folgten zahlreiche Landwirte, so dass die angestrebte Summe von 80.000 Talern noch um 5.700 Taler übertroffen wurde. Am 23. April 1866 wurde das Vorhaben vom Innenministerium genehmigt.

150.000 Taler kostete der Bau der Fabrik. Die Verkehrslage erwies sich als ausgesprochen günstig. Der Anschluss an die 1844 eröffnete Bahnlinie Hannover–Braunschweig war dabei ebenso wichtig, wie der spätere Bau des Mittellandkanals.

Bereits für die zweite Rübenkampagne 1867/68 wurden die Aktionäre mit einer Dividende in Höhe von 10 Prozent belohnt, die in den Folgejahren weiter anstieg – 1871 sogar
auf 40 Prozent.

Die Fabrik wurde stetig erweitert, mit neuen technischen Anlagen ausgestattet und der Vertrieb ausgeweitet. So wurden 1873 eine 6-PS-Dampfmaschine für das Kohlenhaus sowie eine Feuerspritze angeschafft. 1877 kam ein Rübenhaus hinzu. Der Zuckerverkauf erstreckte sich bereits bis Emden, Köln und Duisburg.

Mit ihren Abwässern trug die Zuckerfabrik jedoch auch erheblich zur Beeinträchtigung der Umwelt bei: Insbesondere die Fuhse hatte während der Rübenkampagne zu leiden. Ohnehin durch Schmutzwasser der Haushaltungen und örtlichen Industrie arg belastet, kamen jetzt noch Schadstoffe aus der Verarbeitung der Melasse hinzu, einem Nebenerzeugnis der Zuckerproduktion. 1896 wurde immerhin eine Anlage zur Behandlung der Abwässer gebaut.

Manche Neuerungen erschienen allerdings anfangs zu kostspielig: 1885 wurde der Telefonanschluss wegen zu hoher Kosten abgelehnt – und 1896 schließlich bewilligt. Jetzt war die Fabrik unter „Peine Nr. 12“ auch per Fernsprecher erreichbar. Gleichfalls abgelehnt wurde 1891 die Einführung von elektrischem Licht. Dies wurde erst 1919 umgesetzt, als das städtische Versorgungsnetz aufgebaut wurde. Die für die Rübenverarbeitung und Vermarktung unerlässlichen Investitionen dagegen wurden nach und nach finanziert, ob Dampfkessel, Brunnen-Neubau, Rüben-Schnitzelpresse oder eine Schwefelanlage zur Erzeugung weißeren Zuckers und damit der Erzielung höherer Verkaufspreise.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war die Peiner Zuckerfabrik die größte im Bereich der Industrie- und Handelskammer Hildesheim.

Während der Rübenkampagne von Oktober bis Dezember kamen Arbeitskräfte u. a. aus dem Eichsfeld und wurden für diese Zeit in Baracken untergebracht.

Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße
Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße
Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße
Zuckerfabrik an der Ilseder Straße, Luftaufnahme 1967
Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße
Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße

In den ersten Jahrzehnten waren die Frauenarbeitsplätze bei den Peinerinnen begehrt, obwohl sie in den Schichtbetrieb eingebunden und körperlich sehr schwere Tätigkeiten zu verrichten waren. So mussten die Zuckerrüben mit der Hand von den Ackerwagen abgeladen werden. Die Entlohnung für ein Fuder betrug 25 Pfennige pro Person. 1898 wurde durch ein allgemeines Gesetz die Nachtarbeit für Frauen verboten und somit auch deren Beschäftigung in Zuckerfabriken untersagt – erst 1955 kamen wieder Frauen zum Einsatz.

1941, während des Zweiten Weltkriegs, wurden der Zuckerfabrik 139 Kriegsgefangene zugeteilt und ein Großlager für Zwangsarbeiter eingerichtet. Im folgenden Jahr errichtete man ein „Arbeiterwohnlager für Ausländer“ und eine Mannschaftsbaracke für 50 Ostarbeiter.

Nach 1945 stieg die Menge der verarbeiteten Rüben stetig auf mehr als 1 Million Doppelzentner. Mit einem Kostenaufwand von rund 350.000 D-Mark wurde die Fabrikanlage
1956 modernisiert, regelmäßige Investitionen schlossen sich an und erreichten im Jahr 1964 knapp 1 Million D-Mark.

Am 1. Januar 1969 verlor die Peiner Gesellschaft ihre rechtliche Selbständigkeit und war nun lediglich Standort der Lehrter Zucker Aktiengesellschaft.

Die letzte „Kampagne“ wurde 1983/84 gefahren – als Rübenannahmestelle blieb das Gelände aber vorübergehend noch erhalten.

1991 kaufte die Spedition Bente einen Teil des insgesamt 60.000 Quadratmeter großen Areals und die Abrissarbeiten an den Gebäuden begannen. Es folgten weitere Gewerbeansiedlungen: u. a. eröffnete auf dem südlichen Teil der Fläche 1997 die ALDI-Lebensmittelkette eine Filiale und Auto-TeileUnger im selben Jahr eine Kfz-Werkstatt.

Bezugsquelle: Zechel, A.: Geschichte der Stadt Peine, Bd. III, S. 263; Kampagnen für den Zucker, Festschrift, Peine 1966. Materialien zur Zuckerfabrik: GS 2/M 284.

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 3/2016“ Die Zuckerfabrik an der Ilseder Straße.