Einwohner- und Gewerbestatistik 1819

Archiv Sonderblatt 1/2014 – 72 Schuster mit 78 Gesellen und Lehrlingen konkurrieren in der Stadt Peine

von Michael Utecht

Zu den wichtigsten und am weitesten zurückreichenden Beständen des Stadtarchivs gehören die Kämmereiregister. Diese Rechnungsbücher sind seit 1613 fast lückenlos über die Jahrhunderte erhalten geblieben und enthalten – wenn auch stark komprimiert – Angaben zu allen Aspekten städtischen Lebens.

So schlagen sich darin nicht zuletzt elementare politische Veränderungen und neue Strukturen der Verwaltung nieder. Etwa im Jahre 1807, als die „Franzosenzeit“ begann: Peine wurde im neugegründeten Königreich Westfalen in das Departement Oker unter König Jerôme, dem Bruder Napoleons, eingegliedert. Und nicht nur die Verwaltung wurde grundlegend umorganisiert – die Rechnungsbücher wurden gleichfalls inhaltlich neu gegliedert und sprachlich reformiert. So machte der bisher übliche Begriff „Kämmerei-Register“ Platz für den neuen Titel „Communal Einnahmen und Ausgaben“.

Nach dem Ende dieser sogenannten Franzosenzeit 1813 begann ab 1814 Peines hannoversche Zeit (bis 1866). Mit der sogleich einsetzenden Restauration hielten neben den alten Zöpfen auch die alten Bezeichnungen wieder Einzug. Ab 1819 allerdings gab es eine für uns heute erfreuliche Neuerung: Durch gezielte Datenerhebung wurde für eine informative Ergänzung gesorgt. Statistisch detailliert erfasst und dem Register vorangestellt wurden „Stand oder Gewerbe der Einwohner“ nebst Angabe der „Haus-Frauen, Kinder zu Haus, Gesellen und Lehrlinge, Domestiquen [=Hausbedienstete] männlich-weiblich.“

Eine bisher unbeachtete stadtgeschichtliche Quelle. Unter fortlaufender Nummer tabellarisch verzeichnet, sind die Berufs- und Standesangaben differenziert gegliedert in 67 verschiedene Kategorien. Beginnend mit der vierköpfigen Stadtregierung führt die Liste, fast schon eine gesellschaftliche Rangfolge abbildend, weiter über „Advocaten, Messerschmiede, Färber, Holzhändler, Seifensieder“; bis schließlich „Israelitische Handelsleute, Tagelöhner“ und „sonstige Einwohner“ registriert sind.

Im Folgenden als Auszug die einzelnen Gewerbe- und Standesangaben, hier neu geordnet und gruppiert nach ihrer Häufigkeit:

Jeweils nur einen Vertreter ihres Erwerbszweiges hatten: „Zoll-Officianten, Post-Officianten, Doctoren der Medizin, Chirurgi, Thierärzte, Stadtmusici, Amtsunterbediente, Weinhändler, Branntweinbrenner, Zeugschmiede, Büchsenmacher, Buchbinder, Uhrmacher, Windmüller, Korbmacher, Kammacher, Rothgärber, Weißgärber, Seifensieder, Friseur.“

Immerhin zweimal vorhanden waren: „Luther-Prediger, Apotheker (ein Apotheker ist auch Arzt), Messerschmiede, Blechschmiede, Handschuhmacher, Färber, Glaser, Zinngießer, Roßhändler, Holzhändler“.

Dreimal vertreten waren: „Landdragoner, Brauer, Knopfmacher, Goldschmiede, Nadler und Gürtler, Leineweber, Hutmacher“.

Von den an erster Position genannten „Magistratspersonen“ gab es seinerzeit vier – namentlich handelte es sich um „Bürgermeister Linck, Cämmerer Küchenthal, Senator Neuhaus, Actuarius [= Stadtsekretär] Wegener“; und man zählte ebenso viele „Advocaten, Schullehrer, Seiler, Böttcher, Gärtner“.

Etwas häufiger, aber immer noch im einstelligen Bereich fanden sich: „Steuer-Officianten, Hirten, Rademacher, Grobschmiede [je 5]; Schloßer u. Kleinschmiede [6]; Bäcker, Maurer, Israelitische Handelsleute [je 7]“

Mit allen Haushaltsangehörigen summierte sich die Zahl der jüdischen Einwohner in der Stadt auf immerhin 43 Personen: Aufgeschlüsselt in sieben „Haus-Väter“ mit ebenso vielen „Haus-Frauen“, 22 Kindern und sieben Bediensteten. Unter der Rubrik „Bemerkungen“ wurde außerdem der Begriff „Handelsleute“ verfeinert: „nemlich 5 Kaufleute u. resp. [ektive] Trödler und 2 Roßhändler“.

Der Begriff „Haus-Frauen“ ist im Übrigen nicht zwingend mit „Ehefrauen“ gleichzusetzen, wie an dem Beispiel der Bäcker, Böttcher, Seiler oder Schneider ersichtlich ist. Bei ersteren sind die Frauen mit 1 Person, bei beiden letztgenannten sogar mit 2 Personen in der Überzahl. Offensichtlich wurden auch den Haushalt führende Frauen in dieser Kategorie vereinnahmt.

Einwohner- und Gewerbestatistik 1819
Einwohner- und Gewerbestatistik 1819
Einwohner- und Gewerbestatistik 1819
Titelseite Kämmereiregister 1819
Einwohner- und Gewerbestatistik 1819
Einwohner- und Gewerbestatistik 1819

Für die bereits erwähnten „Magistratspersonen“ waren acht „Unterbediente“ tätig (der oben genannte eine „Amtsunterbediente“ war vermutlich beim Amt Peine beschäftigt) und der heute exotisch anmutende Berufszweig des „Horn- u. Holz-Drechslers“ war immerhin neunmal anzutreffen. „Riemer und Sattler“ gab es sogar zehn – bereichert durch die vergleichsweise beachtliche Schar ihrer 31 Kinder.

Zu den heute noch geläufigen und verbreiteten handwerklichen Berufen gehören die Tischler (11), Fleischer (12) und Schneider (17) – sind aber längst nicht mehr in dieser überproportional hohen Dichte vertreten.

Fünfzehn „Ackerbau treibende und Spann haltende Bürger“, d.h. auch über Zugtiere verfügende Ackerbürger, wurden notiert. Sie waren aber nicht die einzigen in dem Metier, wie unter „Bemerkungen“ angefügt ist: „unter denen unter andere Rubriken aufgeführten Einwohnern sind außerdem noch 8 Spann haltende u. Ackerbau treibende.“ Also betätigte sich der eine oder andere Handwerker im Nebenerwerb noch in der Feldwirtschaft, um über die Runden zu kommen.

Die Sparte der zwanzig Kaufleute – „darunter befinden sich drey Fabrikanten“ – war das zweitstärkste Gewerbe. Deutlich übertroffen wurde es – rein quantitativ versteht sich – nur von einem Berufszweig: den Schustern.

72 Schuster übten ihre Profession in der Stadt aus und kamen mit 69 Frauen, 104 Kindern, 4 „Domestiquen“ sowie 78 Gesellen & Lehrlingen auf 327 Köpfe. Dass es diese Gruppe – mit einer sich gegenseitig schier erdrückenden Konkurrenz – schwer hatte, in einer gerade 2301 Einwohner umfassenden Stadt ihr Auskommen zu finden, verwundert kaum. So waren die Schuster vor allem auf die Märkte der weiteren Umgebung angewiesen, um ihre Erzeugnisse zu vertreiben und demzufolge oft wochenlang unterwegs.

Kaum leichter in ihrem Broterwerb hatten es die 99 Tagelöhner. Mit 89 Frauen und 163 Kindern summierte sich ihre Zahl auf 351 Personen.

In der hier anschließenden und vorletzten Abteilung der „Invaliden und Militair-Pensionairs“ verzeichnete man 19 Männer, 11 Ehefrauen und 25 Kinder.

An 67. Stelle der Gewerbestatistik folgte die Rubrik „Sonstige Einwohner“. Sie bildete das nicht weiter untergliederte Schlusslicht der Tabelle. Mit 365 Personen nahm diese Bevölkerungsgruppe zwar zahlenmäßig den ersten Rang ein, ihr Platz im Register spiegelt dagegen weitgehend auch ihre niedere gesellschaftliche Stellung wider. Zusammengefasst finden sich hier die „Wittwen mit ihren Kindern, verheyrathete Handwerksgesellen und ledige Personen.“

Insgesamt zählte man in der Stadt „433 Haus-Väter, 404 Haus-Frauen, 768 Kinder zu Haus, 171 Gesellen und Lehrlinge, 38 männliche und 122 weibliche Domestiquen.“

Die vollständige „Summa der Personen“ – ohne die Bewohner des Dammes, der erst 1852 mit der Stadt vereinigt wurde – belief sich auf genau 2301 Einwohner, schriftlich
festgehalten in „Peine, den 31ten Dezember 1819.“

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, Kämmereiregister 1819

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Telefon: 05171/49-538 | Fax: 05171/49-390
Internet: www.peine.de

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2014“ Einwohner- und Gewerbestatistik 1819: 72 Schuster mit 78 Gesellen und Lehrlingen konkurrieren in der Stadt Peine.