Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine

Archiv Sonderblatt 1/1999

von Michael Utecht

Friedrich von Bodenstedt, am 22.4.1819 in Peine, im Haus Am Markt 19 geboren, gehört heute zu den den fast Vergessenen. Doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genoß der Dichter und Schriftsteller eine Popularität, wie sie seitdem von keinem Peiner mehr erreicht wurde. Vor allem ein Werk machte ihn zum international bekannten Erfolgsautor: “Die Lieder des Mirza Schaffy”

Mit dieser Sammlung von orientalischer Dichtung nachempfundenen Versen hatte er den Zeitgeschmack getroffen. Die leichtverständlichen Reime lieferten sinnenfrohe Lebensund Spruchweisheiten und schlugen zündend ein. Erstmals 1851 publiziert, wurden bis 1922 in Auflagen 280 000 Exemplare gedruckt; 1984 erschien die 170. Auflage mit dem 281.-285. Tausend.

An diesen Erfolg konnte der Autor, der eine Fülle von Werken hinterließ, allerdings weder mit weiteren Gedichtsammlungen anknüpfen, noch erzielte er als Romanschriftsteller oder Dramatiker durchschlagende oder gar bleiben de Wirkung. Anerkannt – auch von der Literaturkritik – sind dagegen seine Übersetzun- gen russischer Dichter wie Puschkin und Turgenjew oder seine hochgelobten Übertra- gungen von Shakespeares Sonetten.

Außerdem gelangen Boden- stedt überzeugende Reise- schilderungen, die ihn als genauen Beobachter seiner Umwelt ausweisen. Er mach- te sich stets eingehend mit Land und Leuten vertraut und verknüpfte auf anschauliche Weise persönliche Erlebnisse und Erfahrungen mit einer Fülle von völkerkundlichen und kulturhistorischen Details. Damit lieferte er auch Doku- mente von bedeutendem zeit- geschichtlichem Wert.

So ist sein 1850 veröffentlich- tes Hauptwerk „Tausend und ein Tag im Orient“ (mit den darin eingestreuten und erst später separat herausgegebe- nen Liedern des Mirza Schaffy) literarische Frucht seines mehrjährigen und zum Teil abenteuerlichen Aufenthaltes in Rußland, Georgien und Armenien. Der Band wurde 1992 neu aufgelegt; bereits 1985 wurden seine Reiseerlebnisse mit dem bayerischen König Maximilian II. unter dem Titel „Eines Königs Reise“ wiederveröffentlicht. Sein letztes großes Reiseabenteuer führte ihn in die USA. Von Oktober 1879 bis Juli 1880 durchquerte er per Bahn im Rahmen einer Vortragsreise die Staaten von der Ost- bis zur Westküste. Nach seiner Ankunft in New York am 29.10. machte er, unter anderem, Station in Washington, Philadelphia, Toledo, Detroit, Cincinnati, Indianapolis, Chicago, St.Louis, Milwaukee und San Francisco. Er besuchte Salt Lake City und die Mormonen, unternahm Ausflüge in die Sierra Nevada und das Yosemite – Tal, sah die Mississippiund die Niagara – Fälle. Von letzteren war Bodenstedt derart überwältigt, daß er seinen Gefühlen in einem Gedicht („Niagara“) Ausdruck gab. Obwohl widrige Umstände den Genuß des Naturschauspiels nicht unbedingt begünstigt hatten: „Am andern Morgen fuhr ich … nach Niagara Falls. Das Wetter hatte in der Nacht plötzlich umgeschlagen, der Schnee sich in Schmutz verwandelt, der Himmel sich bleiern umwölkt. Mir lag es auch wie Blei in den Gliedern; ich war stark erkältet, hatte eine schlaflose Nacht gehabt und fühlte eine entsetzliche Müdigkeit. Dazu war es eine Fahrt wie durch die Lüneburger Heide bei Nebel.“ Umfassende Schilderungen seiner Reiseerlebnisse sind nachzulesen in „Vom Atlantischen zum Stillen Ozean“ – im Peiner Stadtarchiv liegt die Erstausgabe des Jahres 1882 vor. Darin liefert Bodenstedt beredtes Zeugnis, wie ihm auch jenseits des großen Teiches sein Ruf als Mirza Schaffy vorauseilte. Überall wurde er begeistert empfangen, besonders von den deutsch – amerikanischen Einwanderern. Aber er traf auch auf einheimische Größen, lernte u.a. Edwin Booth kennen, herausragender und gefeierter Mime seiner Zeit, insbesondere in Shakespeare – Stücken (außerdem Bruder von John Wilkies, der 1865 Abraham Lincoln ermordete) und plauderte mit dem amerikanischen Präsidenten R.B. Hayes.

Leider sind Bodenstedts Tagebuchaufzeichnungen aus jener Zeit seit langem verschollen. Als authentische Belege der US – Tour besitzt das Stadtarchiv lediglich zwei Briefe Bodenstedts, adressiert an seine Tochter Mathilde. Aber bereits die wenigen Zeilen lassen durchscheinen, wie begehrt und umworben Bodenstedt in der westlichen Hemisphäre war. Ein gesellschaftlicher Anlaß folgte dem nächsten, Einladungen und Empfänge wechselten einander ab. Am 31.1.1880, während seines Aufenthaltes in der „Villa Stallo“, in Clifton, bei Cincinnati, nutzte Bodenstedt „ein paar freie Minuten“, um seiner Tochter zu schreiben: „Dienstag Abends kam ich von Detroit hier an, nach einer Reise etwa so weit wie von Wiesbaden nach Paris. Honorable Judge Stallo, ein in ganz Amerika berühmter Rechtsgelehrter hatte mich eingeladen, bei ihm zu wohnen.“ Auf dessen Landsitz lebt es sich angenehmer als in der Großstadt, da hier „eine reinere Luft weht als in dem fabrikreichen Cincinnati, dessen tausende von dampfenden Schloten das Häusermeer fortwährend in Rauchwolken hüllen …“

Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine
Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine
Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine
Friedrich von Bodenstedt
Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine
Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine

Landschaftliche Reize erinnern an daheim: „Rund umher ziehen sich bewaldete Anhöhen, ähnlich wie bei Wiesbaden, und auf einer solchen erhebt sich zwischen wundervollen Parkanlagen die Villa Stallo …“ Eine exklusive Wohngegend, denn „in der Nähe erblickt man allerliebste Villen und zwischendurch auch schloßartige Gebäude, die bald an England, bald an Deutschland erinnern. Hier wohnen nur wohlhabende Leute, da die Entfernungen so groß sind, daß hier ohne Wagen und Pferde niemand existieren kann.“

Von der – zumindest in gesellschaftlich etablierten Kreisen – fortgeschrittenen weiblichen Emanzipation berichtet Bodenstedt nicht ohne Verblüffung: „Das liebenswürdige Ehepaar, bei dem ich wohne, hat drei Töchter und zwei Söhne … Die jüngste Tochter von 18 Jahren ist mit einem jungen Rechtsgelehrten verlobt, studiert aber auch auf der Universität (wie das in Amerika häufig vorkommt) Physik und Chemie, hat schon einen gelehrten Grad erlangt, schreibt wissenschaftliche Aufsätze für englische und deutsche Fachschriften und ist dabei ein schönes blühendes Mädchen.“ Die ältere Schwester spielt nicht nur excellent Klavier, sondern ist auch „eine kühne Reiterin und weiß vortrefflich zu kutschieren … Hier zu Lande fährt nämlich alles selbst, sogar Frauen und Kinder von 10 und 12 Jahren, da Kutscher und Dienstleute schwer zu haben und unglaublich theuer sind. Wenn ich nun zur Stadt muß – zweimal täglich, was zusammen 4 Stunden in Anspruch nimmt – so schwingt sich die hochgewachsene Miss Hulda auf den Bock und jagt über Stock und Stein, bergauf und ab mit mir dahin, daß die Funken aus den Steinen stieben.“ Ansonsten wird Bodenstedt von den Töchtern „auf das Rührendste mit Aufmerksamkeiten überhäuft, die sich sogar bis auf meine türkischen Pfeifen erstrecken.“ 

Muße findet er dagegen kaum: „Gestern abend waren wir in Cincinnati zu einer Soirée bei dem deutschen Consul von Mohl … Heute abend findet mir zu Ehren ein großes Bankett in Cincinnati statt, und so komme ich kaum zu einer ruhigen Stunde, denn für morgen und übermorgen bin ich schon im Voraus durch amerikanische Gastfreundschaft in Anspruch genommen.“

Am 8. Mai 1880 schreibt Bodenstedt aus dem Palace Hotel in San Francisco. Er beantwortet einen Brief seiner Tochter und sendet ihr die „innigsten Glückwünsche“ zum
Geburtstag – nachträglich. Den rechtzeitigen Termin hatte er verpaßt, ist er doch nach wie vor äußerst beschäftigt: „Ich fand deinen lieben Brief, als ich heute nachmittag von
einer schönen, aber anstrengenden Fahrt heimkehrte, um mich schnell zu einem Diner umzukleiden, das wieder eine ansehnliche Fahrt verlangte und von wo es dann geradewegs in’s Theater ging, aus dem ich eben, kurz vor Mitternacht sehr müde nach Hause komme.“

Ausführlichere Nachricht verspricht er für später, „heute bin ich mit meinen müden Augen unfähig dazu und morgen in der Frühe werde ich zu einer Fahrt auf dem Stillen Ozean abgeholt.“ Bodenstedt nutzte seinen Aufenthalt in San Francisco, das „buntbewegte Leben dieser Stadt … nach allen Richtungen kennenzulernen“. Sei es „das zuweilen an ein Irrenhaus erinnernde Treiben auf der Börse“ oder „das Leben der Deutschen in San Francisco“. Überhaupt gestaltete sich sein Aufenthalt in Kalifornien „geistig fruchtbarer … als die ganze Herreise.“

Zurückgekehrt nach Deutschland begab sich der Dichter keineswegs auf’s Altenteil. Der Zeit seines Lebens unstete Bodenstedt blieb weiterhin rastlos tätig: als Schriftsteller, Dichter, Journalist und Herausgeber. Nicht zuletzt aufgrund ständiger Geldsorgen; zwar hatte er es zu Weltruhm gebracht, nicht jedoch zu Reichtum. Immerhin hatte er bereits 1877 seinen endgültigen Wohnsitz in Wiesbaden gefunden. Nach seinem Tod am 18.4. 1892 ehrte ihn die Stadt Wiesbaden mit einem Denkmal, die Stadt Peine hatte ihm bereits anläßlich seines 70. Geburtstages 1889 das Ehrenbürgerrecht verliehen.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, GS 3 – Bod 3/6; Bod 4/5. Bodenstedt, Friedrich: Vom Atlantischen zum Stillen Ozean, Leipzig, 1882

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/1999“ Friedrich von Bodenstedt- Dichter, Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Peine.