Friedrich von Bodenstedt (1819-1892) in England

Archiv Sonderblatt 2/2002

von Michael Utecht

„Ich bin wohlauf und munter, und du brauchst dir meinethalben nicht die geringsten Sorgen zu machen.“ Eilends brachte Friedrich von Bodenstedt die ersten Zeilen an seine Frau „Edlitam“ (eigentlich: Mathilde) zu Papier. Soeben, am 20. April 1859, hatte er sein Quartier in London in der King William Street No. 4 bezogen und schilderte ihr die Überfahrt Ostende – Dover.

Die erste Nordseefahrt des Reiseerprobten, der immerhin schon Rußland und die Kaukasusländer durchquert hatte, ging „glücklich vonstatten, obgleich das Meer stürmisch genug war und manche hoch aufschäumende Welle mein Gesicht bespritzte. Das Schiff hatte im ganzen kaum zwölf Passagiere … Nur drei blieben von der Seekrankheit verschont: ich, ein sehr stattlicher und feingebildeter Irländer, Mr. Kennedy, und ein weniger stattlicher Engländer, Lord Blayney, der sich als ein etwas spleenbehafteter,
aber sehr gutmütiger Landjunker zeigte … Beide wetteiferten, mir einen möglichst vorteilhaften Begriff von englischer Liebenswürdigkeit zu geben … Mr. Kennedy besorgte mein Gepäck mit dem seinigen, und Lord Blayney lieferte mich persönlich bei Schlesingers ab …“, offensichtlich Bekannte Bodenstedts, die ihn zunächst aufnahmen.

Mit seiner Frau hielt Bodenstedt stetigen Briefkontakt und übermittelte ihr zwei Tage später, am 22. April, erste Erfahrungen mit den Londoner Lebenshaltungskosten: „Es ist heute, wie du aus dem Datum ersehen wirst, mein Geburtstag, den ich übrigens in aller Heimlichkeit begehen will, um keine Extravaganzen, die hier sehr kostspielig sind, zu machen oder zu veranlassen.“ Gleich am ersten Tag hatte sich Bodenstedt von Schlesinger „die hervorragenden Plätze und Gebäude“ der Stadt zeigen lassen und „eine Masse von Eindrücken“ zu bewältigen. Er „besuchte die grandiose Westminsterkirche …, den Whitehall- und Buckingham-Palast, wohnte im Vorübergehen einer Schwurgerichtsverhandlung bei (worin die Richter, Anwälte und Schreiber noch ihre altertümlichen Perücken und Talare tragen), durchwandelte einige Parks“, war aber für ausgedehntere Wanderungen infolge seiner „wieder mit einiger Heftigkeit ausgebrochenen Grippe“ zu erschöpft. Trotzdem brach er „mit dem Schnellzuge“ nach Hastings auf, „einer außerordentlich malerisch an der Südküste von England gelegenen Stadt.“ Das Inselklima behagte dem Peiner Dichter weniger. Anfangs war durchaus schönes Wetter, „allein meine bekannten Schmerzen im Fuße sagten mir, daß Regen in der Luft steckte. In den Häusern ist es noch viel kälter als bei uns, so daß ich mich über meine eigene Erkältung gar nicht wundere, sondern nur darüber, daß die anderen nicht auch erkältet sind. Man muß sich erst an diese feuchtkalte Luft, welche abends und morgens draußen herrscht, und an das Kaminfeuer, bei welchem man halb verbrennt und halb erfriert, gewöhnen.“ Dennoch fühlte sich Bodenstedt schnell heimisch, „zumal es nichts Bequemeres giebt als die Einrichtung in den englischen Hotels, wofür sich die guten Leute allerdings auch stark bezahlen lassen.“ Vor allem schätzte er die dort gepflegte Gastlichkeit: „Die Aufwärter haben nicht jene grinsende und zudringliche Geschäftigkeit wie in unseren Hotels.“ Bodenstedt nutzte die Zeit in Hastings „weidlich zu Ausflügen in die reizvolle Umgebung“ bevor er nach London zurückkehrte und dort am 28. April, im Lesesaal des „British Museum“, „schon mitten in der Arbeit“ steckte und intensive Shakespeare-Forschung betrieb. Er sammelte vor allem Material für sein Werk „Shakespeare’s Zeitgenossen“, von dem in den Jahren 1858 bis 1860 drei Bände erschienen.

Nebenbei musste er sich um ein neues Domizil kümmern, „da Schlesingers wirklich keinen Raum für mich haben.“ Kein leichtes Unterfangen, weil „ich nicht gleich das Geld zum Fenster hinauswerfen möchte. … London hat seine großen Reize, die man aber teuer erkaufen muß, während die großen Schattenseiten einem überall umsonst entgegentreten.“

Eingehend beschrieb er seiner Frau am 9. Mai die von ihm inzwischen gemietete Unterkunft, die den „nach einem Muster“ eingerichteten englischen Wohnungen entsprach: „Jedes Zimmer (sogar jede Treppe) ist mit Teppichen überzogen, so ärmlich das Haus auch sonst aussehen mag. In der Mitte der Wand, der Eingangsthür gegenüber, befindet sich der Kamin; über dem Kamin der Spiegel.“ Dessen Größe beeinflusste den Zimmerpreis und war für den anspruchslosen Dichter entbehrlich: „… ich bezahle anderthalb Shilling die Woche weniger, weil ich ganz auf einen Kaminspiegel verzichtet habe. Das Meublement meiner Wohnung ist so einfach als möglich – ein Sofa auf dem man nicht sitzen kann, Tisch, Stühle und eine Art alter Kommode.“ Denn sparen musste er: „Mit jeder Woche, die vergeht, mindert sich das Geld in erschreckender Weise … Ich werde meinen Aufenthalt hier so viel wie möglich abkürzen, da das Leben gar zu teuer ist …“ Bodenstedt begegnete in London vielen zeitgenössischen Persönlichkeiten.
„Zu diesen gehörte auch Ferdinand Freiligrath (aus Deutschland emigrierter polit.-revolutionärer Dichter, Anm.d. Verf.), der ein sehr wohlbeleibter, guter, gemütlicher Kerl ist.“ Mit dem „Dämon der Revolution“ konnte Bodenstedt „diesen grundehrlichen, anspruchslosen und vortrefflichen Menschen“, nicht in Verbindung bringen. Eher dessen Ehefrau: eine „sehr gebildete und eine vielleicht etwas zu kluge Frau – wie mir scheint, die Hauptquelle seiner revolutionären Einflüsse.“ 

Zum Fortschritt seiner Shakespeare-Studien äußerte sich Bodenstedt nur am Rande. Immerhin besuchte er eine Inszenierung von „Heinrich V.“ und zeigte sich „ganz geblendet von der prachvollen Ausstattung des Stückes. Alle Äußerlichkeiten waren von einer Vollendung und historischen Treue, von welcher man in Deutschland keine Ahnung hat …“ Dagegen befriedigte den Shakespeare-Kenner „die innere Auffassung des Stückes weniger.“ Eine Aufführung in dem „zwei Stunden von meiner Wohnung gelegenen Standard-Theater in der City“ überraschte in anderer Hinsicht: „Der langen Tragödie, die um zehn Uhr endete, folgten noch zwei lange Lustspiele, da das Volk hier viel fürs Geld verlangt und viel Geduld hat. Das ganze endete erst gegen zwei Uhr nachts!“

Kräftezehrende gesellschaftliche Verpflichtungen gab es reichlich: „… du wirst dich wundern über die Masse von schmeichelhaften Briefchen und Einladungen, die mir von allen Seiten zugehen. Zum Glück fangen die Diners hier immer erst um siebeneinhalb Uhr abends an; aber vor zwei Uhr nachts kommt man selten ins Bett, worunter denn Kopf und Augen am folgenden Morgen natürlich ein wenig leiden. Infolge dieses wunderlichen Lebens fühle ich immer eine gelinde Schläfrigkeit bei Tage.“ In eine missliche Situation geriet Bodenstedt bei dem Besuch „einer großen musikalischen Soiree“, als er „von allen Seiten bestürmt wurde, ‚to give a song’“. Nur schwer war gegen ein grundlegendes englisches Vorurteil anzukommen: „Man setzt hier bei jedem Deutschen voraus, daß er ein ungeheures musikalisches Genie sei … Daß ich weder singen noch spielen kann, wollte mir niemand glauben.“ An einem anderen künstlerischen Vorhaben beteiligte sich der Dichter: „Ein hiesiger Bildhauer, Graß, bestürmt mich schon seit langer Zeit, ihm zu einer Büste zu sitzen, um meinen hiesigen Bekannten ein möglichst handgreifliches Bild von mir zu hinterlassen. Heute ist der erste Tag …“, hielt er am 26. Mai während der Sitzung fest.

Friedrich von Bodenstedt in England
Friedrich von Bodenstedt in England
Friedrich von Bodenstedt in England
Friedrich von Bodenstedt in England
Friedrich von Bodenstedt in England
Friedrich von Bodenstedt in England

Als Gast des Herzogs von Seymour besuchte Bodenstedt ein klassisches englisches Großereignis: „Am Mittwoch war der große Derby-Tag, das heißt der Haupttag der alljährlich in Epsom … stattfindenden Wettrennen.“ Es war ein mit „fabelhaften Anstrengungen“ erkauftes Vergnügen, „das merkwürdige Volksfest mit anzusehen“, bei dem jeder sich verpflichtet fühlte, so zu tun, „als ob er einen ganz absonderlichen Pferdeverstand besitze … Es war eine Hitze wie mitten im Juli, und dabei ein Gedränge, daß nur englische Knochen diesen Quetschungen mit Glück zu widerstehen vermochten …“

Ähnliche Strapazen nahm Bodenstedt auf sich, „um den feierlichen Aufzug zur Eröffnung des Parlaments zu sehen.“ Wenig später folgte eine Einladung von Prinz Albert, Ehemann der Queen Victoria, zum „Mittag in Buckingham Palace. Er unterhielt sich ein paar Stunden ausschließlich mit mir, da er gern meine Ansichten über die gegenwärtige Weltlage zu wissen wünschte, und war ungemein liebenswürdig und gesprächig.“ Die „Weltlage“ war im übrigen angespannt und geprägt von Krisen und Kriegsstimmungen. So fanden in München, Bodenstedts damaligem Wohnsitz, Truppendurchzüge Österreichs statt, das sich im Krieg gegen Frankreich und Sardinien befand – damit verbundene Sorgen durchdringen den gesamten Briefwechsel.

Auch der belgische König Leopold, der das britische Königshaus besuchte, wünschte „persönliche Bekanntschaft“ mit dem weitgereisten Schriftsteller zu machen, „für den es sehr schmeichelhaft war, von dem alten klugen Herrn, ohne jegliches Zuthun von meiner Seite, aufgesucht zu werden.“ Das Weltgeschehen weit hinter sich lassend schrieb Bodenstedt am 19. Juni begeistert aus „Stratford am Avon, der kleinen Stadt, die den großen Shakespeare geboren, … ein Landstädtchen nicht größer als Peine, aber hübscher … Der Tag, den ich in Stratford am Avon verlebt, gehört zu den schönsten und bedeutendsten meines ganzen Lebens … Mein guter Genius gab mir den Gedanken ein, allein zu reisen, und ich freue mich, daß ich so gethan.“ Er nutzte jede freie Minute, um sie an historischen Stätten, wie Geburtshaus, Schule oder Grab Shakespeares zu verbringen und fühlte sich „hineingezaubert in diese friedliche Einsamkeit.“ Da störte nicht einmal, dass „viele Narren“ unter den Besuchern steckten, „wie das endlose Namengekritzel an Thüren, Fenstern und Wänden bezeugt.“ Ganz anders „Cremorne“, dessen Besuch sich der Dichter für den Schluss seines England-Aufenthaltes reserviert hatte, „ein in so großem Stil und so reicher Mannigfaltigkeit angelegter Vergnügungsort, wie man dergleichen wohl in keiner anderen Stadt der Welt findet … Wir fuhren erst gegen Mitternacht hinaus, wo das Hauptleben beginnt und als wir heimkehrten war der Tag angebrochen.“

Den Themse-Tunnel fand Bodenstedt weniger attraktiv, „denn zu sehen ist nicht viel daran und Nutzen bietet er meines Wissens gar nicht. Jedenfalls finde ich es viel angenehmer, über die Themse hinweg, als darunter durch zu fahren.“ Alles in allem aber war Bodenstedt von London tief beeindruckt, schon die flächenmäßige Ausdehnung der Stadt war überwältigend – und brachte zusätzliche finanzielle Belastungen mit sich: „… am meisten Geld kosten die Dinge, auf die man am wenigsten rechnet. So hielten z.B. meine Münchener Fußbekleidungen den endlosen Londoner Straßen nicht lange stand, und ich mußte mir rasch nacheinander zwei Paar neue Schuhe kaufen … Die Wege sind gar zu trostlos weit in dieser endlosen unberechenbaren Stadt. Bekannte, die nicht in derselben Gegend wohnen, sehen sich zuweilen jahrelang nicht.“ Der Schriftsteller schwärmte von architektonischen Glanzstücken und von Ausstellungen in einer Pracht, wie er sie bisher „weder im Orient noch im Occident“ gesehen hatte und notierte verblüfft: „Welch eine Stadt, wo ExGouverneure, Ex-Fürsten, Sultane, indische Kaiser und Könige … zu Dutzenden umherlaufen, ohne daß sich der Engländer nur nach ihnen umsieht …“ Aber auch die Schattenseiten der Großstadt übersah er nicht: „Bilder des nackten Jammers auf dem harten Steinpflaster von London, … zerlumpte, obdachlose Arme, darunter Frauen mit Säuglingen, lagen vor den Schwellen der Häuser unter freiem Himmel.“

Am 6. Juli gab er den letzten Brief in London auf: „Heute Abend reise ich nach Köln ab, und zwar direkt, nicht auf holländischen und anderen Umwegen, wie erst in meiner Absicht lag. Es ist zwar gut, Holland zu sehen, allein es ist besser, Edlitam zu sehen … Ich muß packen und dann auf und davon. Hoffentlich bald m ü n d l i c h mehr von deinem, sich von ganzem Herzen nach dir sehnenden Fritz.“

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, Briefe Friedrich Bodenstedts an seine Gattin gerichtet. In: Westermanns Ill. Monatshefte, Jg. 38, Bd. 75,1893/94, S. 115-137

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2002“ Friedrich von Bodenstedt in England.