Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel“

Archiv Sonderblatt 1/2007

von Michael Utecht

„Der Himmel war rot gefärbt von den hochauflodernden Flammen der brennenden Vorstädte, und auf allen Türmen und Dächern lag des Feuermeers purpurner Wiederschein.“ In den Straßen Wiens „erscholl es von Waffengeklirr und Trommelgewirbel“ – es war der „Kriegslärm der letzten Oktobertage des Jahres 1848″.

Friedrich von Bodenstedt arbeitete damals als Chefredakteur des „Österreichischen Lloyd“ (ein überwiegend wirtschaftspolitisches Journal) in der Landeshauptstadt und erlebte die revolutionären Tage als Zeitzeuge hautnah mit: „Des Nachts muß ich Wache stehen und am Tage, den Säbel an der Seite, die Druckbogen corrigieren“, notierte er in einem Brief an seine spätere Frau Mathilde („Edlitam“) Osterwald.

In der Einleitung zu seinem 1850 erschienen Werk „Tausend und ein Tag im Orient“ lässt er die revolutionären Szenen rückblikkend Revue passieren. Denn die turbulenten Zeiten hatten nicht nur maßgeblichen Anteil an der Veröffentlichung dieses Werkes, sie begünstigten auch den späteren Erfolg der daraus separat veröffentlichten „Lieder des Mirza Schaffy“.

Von den täglichen kriegerischen Tumulten zermürbt, suchte man wenigstens für eine kurze Weile der bedrückenden Realtität zu entfliehen und so versammelte sich oft „mit anbrechendem Abend eine Anzahl von Freunden und Bekannten in meiner Wohnung […], um in traulicher Unterhaltung ein Stündchen Ruhe zu schöpfen nach den erschütternden Eindrücken des Tages.“ Gern ließ man sich von dem Weitgereisten in ferne orientalische Welten entführen: „’Bodenstedt‘ – sagte Auerbach, der Gevattersmann – ‚Du bist weniger aufgeregt als wir; erzähl‘ uns von deinen Abenteuern im Morgenlande! Tu‘ einen lustigen Griff in deine Vergangenheit; das wird uns in eine neue Welt versetzen und den Unmut der Gegenwart verscheuchen.‘ „

Ein verständlicher Wunsch angesichts der herrschenden Zustände, die Bodenstedt eindringlich und bildhaft in seinem 1849 verfassten Prolog schildert: „Fast ohne Aufhören wurde der Generalmarsch geschlagen. Hinter den fahnenüberflatterten Barrikaden brannten Wachtfeuer und um das Feuer her kauerten waffentragende Männer mit dampfgeschwärzten Gesichtern und halbwilde Weiber in abenteuerlicher Tracht.

Preßgänge durchzogen die Stadt und rafften auf, was ihnen von kampffähigen Männern entgegenkam; hier schwenkte singend ein Trupp wunderlich bewaffneter Arbeiter vorüber, geführt von Offizieren der akademischen Legion, dort trieben wenige Studenten eine ganze Schar aus Kellern und Gewölben aufgescheuchter Bürger dem Kampfe zu. Und der Kampf, der in der Leopoldstadt um die Riesenbarrikaden der Jägerzeil geführt wurde, war ein furchtbarer und verzweifelter. Jedes Haus eine Festung, jedes Fenster eine Schießscharte.

Wie es prasselte von dem sich kreuzenden Kleingewehrfeuer, wie es zischte von den zündenden Brandraketen, wie es donnerte aus den gewaltigen Feuerschlünden, und wie es weithin dröhnend krachte, wenn die Kanonenkugeln einschlugen in die Barrikaden, oder wenn unter ihrer ungetümen Wucht eine Mauer der umstehenden Häuser zusammenbrach.

Die Erde zitterte, das Wehklagen der Verwundeten, das Todesröcheln der Sterbenden wurde überhallt von dem chaotischen Getöse der Zerstörungswerkzeuge, welche die ganze Franzensallee in einen Schutthaufen und die nach dem Prater zulaufenden Häuser der Jägerzeil in Ruinen verwandelten […]

Man wußte den Ausgang des ungleichen Kampfes vorher, und dennoch kämpften sie draußen mit der Wut der Verzweiflung. Schon begann es in der durch die Flüchtlinge der Vorstädte übervölkerten inneren Stadt an Lebensmitteln zu mangeln.

Ganze Familien, deren Häuser in Flammen aufgegangen, kamen bepackt mit dem Wenigen, das sie gerettet, und flehten um Obdach und Unterkommen. Die Verwirrung war unbeschreiblich, und ein tiefer Mißmut, eine ängstliche Spannung und Unruhe zeichnete sich in allen Gesichtern. Jeder Verkehr mit der Außenwelt war abgebrochen, denn ein Gürtel von Bajonetten umschlang das unglückliche Wien, und so mancher, der sein Liebstes draußen hatte, seufzte seit Wochen nach Kunde und Mitteilung […]“.

Bodenstedts Wohnung sollte nun als Refugium der Stille dienen: „Doch bei dem wilden Getümmel draußen und der Unruhe in der eigenen Brust, wollte es mit der Unterhaltung nicht recht gehen; alle Augenblicke wurden wir durch den Lärm der Geschütze oder durch Trommelgewirbel unterbrochen.“

Auf die Erzählungen des Dichters verzichten wollte man indes nicht. Die Gefährten „rückten näher mit ihren Stühlen“ und drängten Bodenstedt: „’Ja, bitte! Erzählen Sie! […] Erzählen Sie vom Kaukasus‘ – sagte Kaufmann – ‚und von Ihrem berühmten Lehrer Mirza-Schaffy! Das ist mein Liebling. ‚ ‚Und vom Schwarzen Meer‘ – sagte Karl Beck – ‚und von den Kosaken und von den Türken! ‚ ‚Und von den schönen Georgierinnen‘ – rief Max Schlesinger – ‚und vom Ararat und Armenien!‘

Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel“
Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel“
Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel“
Wien: Revolution 1848
Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel“
Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel“

Jeder wollte etwas besonderes hören. Ein Geist der Heiterkeit war über alle gekommen, noch ehe ich meine Erzählung begann, denn die, welche die obigen Bitten an mich richteten kannten schon einzelnes aus meinen Wanderungen. […] So saßen wir bis tief in die Nacht hinein; gespannt lauschten alle meinen Erzählungen. Und keiner dachte mehr an das Getümmel draußen, noch an die brennenden Vorstädte und das Trommeln und Schießen …“

Der Aufforderung seiner Freunde, „den Erzählungen, welche einen so heitern Einfluß auf sie geübt, durch den Druck eine größere Verbreitung zu geben“, kam Bodenstedt schließlich nach. Mit einer eher bescheidenen Erwartungshaltung: „Für solche Leser sind diese Blätter geschrieben“, die „Ruhe und Labung“ suchen; „und wenn meine Erzählungen, hübsch gedruckt und gebunden, denselben Eindruck zu erzeugen vermögen, wie einst durch das gesprochene Wort, so ist der Zweck dieses Buches erfüllt.“

In der Tat glichen die Empfindungen der Leserschaft denen des engeren Freundes- und Zuhörerkreises Bodenstedts und so ließ der Erfolg nicht auf sich warten. Man hatte genug von den kriegerischen Zeitläufen und ließ sich um so bereitwilliger in exotische und politisch unverbindlichere Gefilde versetzen.

Und man erfreute sich an den vom Dichter eingestreuten leichtverständlichen Reimen mit sinnenfrohen Lebens- und Spruchweisheiten. Als „Lieder des Mirza Schaffy“ erstmals 1851 gesondert publiziert, wurden die Verse ein Welterfolg und machten Friedrich von Bodenstedt zum gefeierten Bestsellerautor: Bis 1922 wurden in 169 Auflagen 280 000 Exemplare gedruckt; 1984 erschien die 170. Auflage mit dem 281.-285. Tausend.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine; Bodenstedt, Friedrich: Tausend und ein Tag im Orient. Berlin 1850; Erinnerungen aus meinem Leben, Bd. 2, Berlin 1890. Engelmann, Karl: Aus Bodenstedts Leben. In: Dt. Rundschau, Bd. 179, 1919.

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2007“ Friedrich von Bodenstedt in Wien 1848: „Waffengeklirr und Trommelgewirbel