Friedrich von Bodenstedt (1819 - 1892) Reiseabenteuer in Russland

Archiv Sondeblatt 1/2001

von Michael Utecht

Die meisten Reisebeschreibungen wimmeln von Abenteuern, welche, besonders wenn man noch jung ist, zu Reisen zu gehören scheinen, wie Blumen zur Frühlingsflur oder wie Sterne zum nächtlichen Himmel“ beginnt Friedrich von Bodenstedt eine Erzählung über seine Zeit in Russland – offensichtlich mit leichtem Bedauern:

Denn mit echten selbst erlebten Abenteuern konnte der in Peine geborene Dichter und Schriftsteller nicht aufwarten: „Ich hatte schon ein paar Jahre in Rußland gelebt und bedeutende Strecken dieses Riesenreiches durchzogen, ohne von irgend welchem Abenteuer erzählen zu können; ich war weder von Räubern angefallen, noch von Wölfen und Bären bedroht worden, ja, ich hatte noch nicht einmal einen Wolf oder Bären in der Wildnis gesehen.“

Da er aber „an langen Winterabenden, in befreundeten Kreisen, öfters aufgefordert wurde etwas zu erzählen“, kam er diesen Bitten nicht nur nach, sondern schrieb die Geschichten auch „gelegentlich sorgfältig nieder.“ Vor allem jene, „welche sich des nachhaltigsten Beifalls erfreut hatten und welche ich deshalb öfter wiederholen musste …“

„Mein erstes Reiseerlebnis, das einem Abenteuer einigermaßen ähnlich sah, trug sich in der donischen Steppe (im Gebiet des Dons, Anm. d. Verf.) zu, im Spätherbst des Jahres 1843.“ Für Bodenstedt ursprünglich „nicht des Aufzeichnens werth“, fand er „später bei wiederholter, mündlicher Erzählung des Erlebten, dass es meine Zuhörer sehr ergötzte.

In der Tat muten heutzutage allein die damaligen Reisebedingungen mehr als abenteuerlich an: In Moskau hatte Bodenstedt einen „Tarantaß“ gekauft, „d.h. einen Wagen ohne Federn, aber etwas länger als die gewöhnlichen Telega’s, dazu oben verdeckt und auch nach vorn mit einer ledernen Vorrichtung versehen, um Schutz wider den Regen zu bieten, der um diese Jahreszeit in der Steppe oft wochenlang anhält.“ Das neuerworbene Gefährt war gerade lang genug um darin ausgestreckt schlafen zu können, „wenn sich kein anderes Nachtquartier fand, was häufig genug vorkam, oder wenn ich es auf den Stationen vor Schmutz und Ungeziefer nicht aushalten konnte, was noch häufiger vorkam.“

Nachteil des Fuhrwerks: „Es war nur auf’s Liegen, nicht auf’s Sitzen eingerichtet; ich mußte meinen Koffer dazu verwenden mir einen Sitz herzustellen, wenn es regnete, denn bei schönem Wetter setzte ich mich gewöhnlich zum Kutscher, um eine freiere Aussicht zu haben.“

Bodenstedt war „eine gute Strecke“ ohne Diener gereist – aus „Sparsamkeitsrücksichten“, die jedoch „übel angebracht waren, da mir schon in der zweiten Nacht das Wagenleder abgeschnitten und mit einigen sonstigen schwer wieder zu beschaffenden Sachen, die nicht niet- und nagelfest waren, gestohlen wurde.“

Also nahm er in Tula, der nächsten Stadt, „einen handfesten russischen Diener“, um nicht selbst das Gepäck überwachen zu müssen und dadurch mehr Reisefreiheiten zu genießen.

Dafür gestaltete sich die Bewältigung der Etappe nach Jeletz ausgesprochen mühsam, da „die Wege fast grundlos wurden, so daß wir immer 5 Pferde brauchten, um durch den schwarzen, schlammigen Boden weiter geschleppt zu werden.“ Im gleichen Zuge wurde die Gegend öder „und die Dörfer, wo in elenden, schmutzigen Hütten die Bauern mit dem Vieh zusammenhausen, boten einen so traurigen Anblick, daß ich mich immer nur so lange aufhielt, als nöthig war um frische Pferde herbeizuschaffen.“

Weiter ging es Woronesch entgegen, und hier gewannen „Menschen und Gegenden wieder ein freundlicheres Ansehen; hin und wieder tauchte aus dem … kornreichen Lande ein stattlicher Edelsitz, oder gar ein prächtiges Schloß auf …“

In einen „dicken Pelz gehüllt … bei Schnee und Eis“ war Bodenstedt in Moskau abgereist; jetzt herrschte freundlicheres Wetter und dieses galt es zu nutzen, „um über den Don zu setzen und Neutscherkask … möglichst schnell zu erreichen, da eine Fahrt durch die weite Steppe bei Regenwetter in solcher Jahreszeit zu den schlimmsten Prüfungen der Reisenden gehört.“

Aber es kam wie befürchtet. Der Himmel verdunkelte sich zusehends und nach der mehrstündigen Überfahrt mit der Fähre fand man die Steppe bereits von Regen durchweicht. „Nach etwa zwei Stunden trat ein fast wolkenbruchartiges Unwetter ein. … Weder Wagendecke noch Spritzleder vermochten dagegen zu schützen. Wir wurden durchnäßt bis auf die Haut, und was das schlimmste war: die Pferde blieben plötzlich im Schlamme stecken, und waren weder durch Zurufe noch durch Peitschenhiebe von der Stelle zu bringen.“ Alle Anstrengungen Pferde und Wagen aus dem Schlamme zu ziehen waren vergebens – es blieb „keine andre Wahl, als ruhig abzuwarten …“ Eine fatale Situation, die sich nach kurzer Zeit noch verschlimmerte: „Zwar ließ der Regen nach, aber dafür erhob sich vom Kaukasus her ein eisig kalter Wind“, der die in durchnässter Kleidung Ausharrenden vor Kälte zittern ließ. „Unser Zustand wurde auf die Dauer unerträglich.“ Längst war „das Dunkel hereingebrochen“ und es schien unmöglich, „in diesem trostlosen Zustande den Anbruch des Morgens abzuwarten.“ Bodenstedt „spähte mit einem Fernrohr in die Nacht hinaus, ob nicht irgendwo ein Licht zu entdecken sei, das ein schützendes Obdach verheiße“ – und hatte schließlich Erfolg. Ein in der Ferne schimmerndes Feuer versprach Hoffnung auf trockenen Unterschlupf.

Friedrich von Bodenstedt (1819 - 1892) Reiseabenteuer in Russland
Friedrich von Bodenstedt (1819 - 1892) Reiseabenteuer in Russland
Friedrich von Bodenstedt (1819 - 1892) Reiseabenteuer in Russland
Bodenstedts Reiseroute 1843: Mit dem Pferdewagen über 1500 km von Moskau nach Tiflis
Friedrich von Bodenstedt (1819 - 1892) Reiseabenteuer in Russland
Friedrich von Bodenstedt (1819 - 1892) Reiseabenteuer in Russland

Sein Kutscher, der das Licht „mit unbewaffnetem Auge“ ausgemacht hatte, bestätigte, „es müsse von einer Zigeunerherberge herrühren, welche in der Gegend liege“ – aber: „Es soll dort nicht geheuer sein. Warum würde sonst auch das unheimliche Nest so weit abliegen vom Wege? Man erzählt sich schauerliche Geschichten davon …“

Der aufgeklärte und vorurteilsfreiere Bodenstedt blieb auf dem Boden der Tatsachen: „Ich hatte schon öfter, besonders an der Wolga, mit Zigeunern verkehrt und war immer gut mit ihnen ausgekommen.“ Erfahrungsgemäß sei „das Gerücht immer größer, als die Wahrheit die ihm zugrunde liegt.“ Gestärkt wurde das Sicherheitsgefühl auch dadurch, „daß ich gute Waffen bei mir führte, zwei Pistolen, einen Dolch, Säbel und Flinte. Auf dem Weg durch die Steppe nach dem Kaukasus wurde es damals jedem Reisenden von Obrigkeitswegen zur Pflicht gemacht, wohl bewaffnet zu sein, und diese anbefohlene Vorsicht war keine unnöthige.“ So machte man sich auf den Weg, der entsetzlich lang schien; „wir stolperten alle Augenblicke, versanken oft bis an die Knie in den Schlamm und glaubten wenigstens zwei Stunden gewandert zu sein, als wir endlich die verrufene Herberge in der Steppe deutlich vor uns sahen.“

Vor dem Gebäude, das „klein und unansehnlich“ war und aus zwei niedrigen Stockwerken bestand, „bot sich unsern Augen ein wildschönes Bild.“ Im Schein eines neu angefachten Feuers tanzte „zum Schall der Balalaika ein, wie es schien, halbbetrunkener Kosack mit einem Zigeunermädchen,“ während „ein halbes Dutzend Kosacken“ dem Paar halb liegend und halb schlafend zusahen. Vervollständigt wurde die vom Dichter geschilderte pittoreske Szene, als „ein altes Zigeunerweib, welches die Herbergsmutter zu sein schien aus der Thür trat“. Die Frage nach einem trockenen Obdach konnte sie bejahen: „Wir haben nur ein freies Zimmer, … in welchem schon ein paar Passagiere einquartiert sind, aber ich denke, Du wirst wohl noch Platz genug darin finden, Väterchen.“

Über eine Leiter im unteren „Gemache“ ging es „durch eine im Fußboden angebrachte Fallthüre“ hinauf in ein niedriges Zimmer, in welchem bereits zwei Frauen lagen, „im tiefsten Schlafe … ganz in Mäntel und Tücher gehüllt“.

Wie sich etwas später herausstellte, eine junge Dame nebst Kammerzofe auf dem Weg zu ihrem „durch Dienstgeschäfte abgezogenen“ Mann. Erstere meinte, Bodenstedt aus einer Begegnung in ihrer Heimatstadt Moskau zu kennen – er selbst konnte sich an sie nicht erinnern – und war überaus glücklich, endlich wieder einen vertrauensvollen Menschen in ihrer Nähe zu haben.

Denn sie war gemein hintergangen worden: Ihr Reisebegleiter hatte sich mit Pferden und Tarantass in der Nacht aus dem Staub gemacht. Zwar verfügte die Bestohlene noch über genügend Bargeld, doch war ihr die Herberge unheimlich und die weitere Reise zu gefahrvoll, um sich allein auf den Weg zu machen. Ihrer flehenden Bitte sie mitzunehmen, verschloss sich Bodenstedt natürlich nicht, und so begleitete sie ihn bis an den Kaukasus.

Der Rest des „Abenteuers“ kann hier leider nur stark verkürzt und ohne die von Bodenstedt eingestreuten Pointen wiedergegeben werden: Die Reise wird über Neutscherkask fortgesetzt und führt – anfangs „bei gutem Wetter und guter Laune“ – durch teilweise malerische Landschaften; mit Lebensmitteln, inklusive „einige Flaschen guten donischen Weines“, ist man gut eingedeckt.

Der größte Teil der Strecke wird jedoch bestimmt durch „eine ununterbrochene Kette von Schwierigkeiten der widerwärtigsten Art“, angereichert „mit unsäglichen Hindernissen“ wie Dauerregen, schlammige Wege und schlechte Quartiere.

Nach der letzten gemeinsam zurückgelegten Etappe, von Stawropol nach Wladikawkas am Kaukasus, folgt die Trennung. Während Bodenstedts „Schutzbefohlene“ zu einem längeren Aufenthalt in der Stadt bleibt, setzt er seine Reise fort, um in Tiflis eine Stelle als Lehrer anzutreten. Zwei Monate später trifft er seine Reisegefährtin, „welche bei ihrer Reise über das Gebirge fast im Schnee umgekommen wäre“, dort wieder.

Aber nur für eine kurze Zeit: „Ich verlor sie völlig aus den Augen, da ich im Frühling nach Armenien reiste, im Sommer das Paschalik Achalzig (Landschaft bei Tiflis, Anm. d. Verf.) duchstreifte und erst im Herbst nach Tiflis zurückkehrte.“ Hier entstehen im übrigen die meisten seiner später weltberühmt gewordenen „Lieder des Mirza Schaffy“.

Nach weiteren ausgedehnten Reisen kehrt Bodenstedt 1845 nach Deutschland zurück.

Bezugsquelle: : Stadtarchiv Peine; Bodenstedt, F.: Kleinere Erzählungen, München und Augsburg, 1863; Atlas für höhere Lehranstalten, Bielefeld und Leipzig, 1903

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2001“ Friedrich von Bodenstedt (1819 – 1892) Reiseabenteuer in Russland.