Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine

Archiv Sonderblatt 2/2016

von Michael Utecht

Rund eineinhalb Jahre hatte Friedrich Bodenstedt am Gymnasium in Tiflis unterrichtet, bevor er im Frühjahr 1845 die Heimreise antrat. Eine langwierige und abenteuerliche Strecke lag vor ihm, die er in zahlreichen Etappen bewältigte. So schipperte er die Schwarzmeerküste entlang und machte ausgiebig Station in den ukrainischen Städten Kertsch und Odessa sowie in Istanbul in der Türkei.
„Es war zu Ende des Maimondes, an einem schönen, sonnigen Tage als unser Dampfer in die das Schwarze mit dem Asowschen Meere verbindende
Straße von Jenikalé einlief und im Hafen von Kertsch […] vor Anker legte.“

Kertsch: „Moderne Stadt“ und „reizvolle Umgebung“
„Kertsch bezeichnete für mich den Abschluß des ersten und wichtigsten Theils meiner Heimreise.“ Nun war der Kaukasus bewältigt und „ich fühlte mich wieder in Europa“. Seinen „asiatischen Diener“ hatte er schon vor Antritt der Dampferfahrt entlassen, worüber jener allerdings nicht unglücklich war, denn „er hing zu sehr an seinem Heimathlande, um sich ganz davon trennen zu können.“ Bei seinen Reiseunternehmungen im Kaukasus hatte sich Bodenstedt stets bemüht, „Land und Leute mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln genau zu erforschen.“ Nicht nur um sich selbst mit dem neuen Umfeld vertraut zu machen, sondern – wie seine Reisebeschreibungen nachhaltig belegen – auch anderen ein anschauliches und authentisches Bild zu vermitteln. Jetzt musste er sich aufgrund des kürzeren Aufenthalts auf kleine Stippvisiten beschränken. Doch blieb noch genügend Zeit auch die Stadt Kertsch ein wenig zu erkunden, die „beim ersten Anblick ganz den Eindruck einer modernen Stadt“ machte. Er unternahm „in dem hochgelegenen Museum von Kertsch“ geschichtliche Ausflüge in „eine Welt von Alterthümern“, die bei zahlreichen Ausgrabungen zu Tage gefördert worden waren. Vor allem aber pflegte er menschliche Kontakte. Als Starthilfe hatte ihm sein Freund Seymour, ein gleichaltriger Engländer, den er in Tiflis kennengelernt hatte, „einen Brief an den englischen Konsul, Mr. Cattley, mitgegeben“. Und dieser tat alles, um ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen: „Er hatte prächtige Reitpferde im Stalle und holte mich jeden Morgen zu einem Spazierritt in die reizvolle Umgebung ab.“ Bodenstedt lernte den „Württembergischen Konsul Bellini aus Odessa kennen, den seine Geschäfte nach Kertsch geführt hatten, wo er mit mir in demselben Gasthofe wohnte; desgleichen einen talentvollen jungen russischen Maler Dorogow.“ Letzterer war Bodenstedt im Übrigen bei seinen „rasch hingeworfenen Zeichnungen“ behilflich, indem er manches „zurechtrückte“ und ihn „zu neuen Versuchen ermuthigte“ (leider ist Bodenstedts Skizzenbuch nicht erhalten geblieben).

Konsul Bellini fühlte sich in dem Gasthof, der ihm „als der beste in Kertsch empfohlen“ worden war, „höchst unbehaglich“; nicht nur dass er, „weil kein Glockenzug vorhanden, immer selbst die Treppe hinunterlaufen mußte, wenn er etwas haben wollte“, es kam ihm auch „Alles unsauber vor.“ Im Gegensatz zu Bodenstedt, der den Konsul – „ein sehr verwöhnter Herr“ – aufgrund eigener Erfahrungen schließlich überzeugen konnte, „daß dies der beste russische Gasthof sei, den ich bis dahin im ganzen Zarenreiche gefunden.“

Odessa: „In eine Staubwolke gehüllt“, doch „reich an Palästen“
Während Konsul Bellini zu Lande nach Odessa zurückreiste, entschied sich Bodenstedt – gemeinsam mit Dorogow – „die Küstenfahrt zu machen, welche an den merkwürdigsten Städten […] vorbeiführt und eine Fülle überraschend schöner Landschaftsbilder bietet. Das herrlichste Wetter begünstigte unsere Fahrt auf dem ‚Nordstern’ […], einem russischen Dampfer von trefflicher Einrichtung und Führung.“ Man fand „in der Kajüte die angenehmste Reisegesellschaft“ und an den Anlegestationen wurde reichlich „Zeit zur Umschau gelassen.“ So nahm er in Jalta („ein schmuckes Städtchen“) gemeinsam mit Dorogow „Tatarenpferde und einen Führer, um nach Alupka hinaufzureiten, wo der prachtvolle Palast des Grafen (späteren Fürsten) Woronzow uns lockte. […] Ich schweige von den übrigen Schlössern, Villen und Cottages, an denen die Südküste der Krim so reich ist; der Palast von Alupka überragte sie alle.“ Auch bei Sewastopol („Sebastopolis: Stadt der Herrschaft“), gelegen auf einem Hügel, „der sich zwischen drei Buchten hinzieht“, ging man kurz vor Anker. Danach wurde die Fahrt „ohne jede Störung von Wetter und Menschen“ fortgesetzt und Bodenstedt traf „am fünften Tage nach dem Abschiede von Kertsch […] glücklich in Odessa ein.“ Architektonische Details waren aber erst aus der Nähe auszumachen: „Vom Meere aus gesehen“, war nicht viel erkennbar, da die Stadt „bei trockenem Wetter fortwährend in eine Staubwolke gehüllt ist. […] Dieser Staub läßt keine kräftige Vegetation aufkommen; man sieht nur verkrüppelte Bäume und Büsche, und an frischem Grün fehlt es fast gänzlich.“ Dagegen zeigte sich die Stadt „reich an Palästen, stattlichen Regierungsund Schulgebäuden […] und schönen, meist in italienischem Stil erbauten Häusern.“ Dazu gab es ein vielfältiges Völkergemisch, „so daß man in dem bunten Gewimmel auf den staubigen Straßen meist mehr fremde Sprachen als russisch reden hört.“ Das hatte seinen Grund: „Während der russische Kaufmann mehr den Zwischen- und Binnenhandel betreibt“, befand sich der „Großhandel mit dem Auslande, besonders der Export von Weizen, Talg und Wolle […] fast ausschließlich in den Händen von Griechen, Italienern und Deutschen. […] Auch an Franzosen, Engländern, Türken, Persern, Tataren, Polen, Serben u.s.w. fehlt es nicht, […] eine große Rolle spielen auch die Juden, deren Zahl mir auf zehntausend angegeben wurde.“

Nachdem Bodenstedt „schon mehr Staub in Odessa geschluckt“ hatte, als er vertragen konnte, verbrachte er noch einige Tage, „die sehr gemüthlich vergingen“, als Gast im Hause von Konsul Bellini. Schließlich aber war er froh, den Dampfer nach Istanbul besteigen zu können, da er nun „wieder reine Seeluft athmen konnte. […] Die Fahrt verlief ebenso glücklich wie die frühere und am 16. Juni, kurz nach Tagesanbruch, that sich die Herrlichkeit des Bosporus vor mir auf. Ich habe diese schönste Wasserstraße der Welt in den folgenden Monaten noch oft durchfahren, aber in der zaubervollen Beleuchtung, wie sie sich mir zuerst erschloß, habe ich sie nie wieder gesehen.“

Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine
Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine
Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine
Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine
Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine
Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine

Istanbul: „Merkwürdigkeiten von Konstantinopel“
Bodenstedt war fasziniert von dem Anblick „dieser ununterbrochenen Reihe von Schlössern, Kiosks, Dörfern, Gärten, Palästen und Ruinen, Alles von üppiger Vegetation umwuchert.“ Vom Wasser aus betrachtet zeigte „Stambul (zu Deutsch: ‚Die Wohlbeschützte’), wie die Türken ihre Hauptstadt nennen […], lauter Pracht und Herrlichkeit und man fühlt sich, in ihrem Anschauen verloren, wie von märchenhaftem Zauber befangen.“ Durchwandert man aber die Innenstadt, „so verschwindet der Zauber bald in krummen, schmutzigen Gassen.“ Gleiches galt für die alte genuesische Vorstadt Galata, wohingegen es in der hochgelegenen Vorstadt Pera, „wo die europäischen Gesandten ihre Paläste haben“, etwas sauberer schien. „Doch ich will hier keine Schilderung aller Merkwürdigkeiten von Konstantinopel geben“, beschränkt sich Bodenstedt in seinen Erinnerungen ausdrücklich. Einen Städtevergleich bietet er aber dennoch an: „In seinem Innern bietet Konstantinopel viel Ähnlichkeit mit Moskau. Sind die türkischen Moscheenkuppeln auch weit größer als die russischen Kirchenkuppeln, so tragen sie doch beide orientalisches Gepräge und bilden die eigentlichen dekorativen Wahrzeichen der Herrscherstädte.“ Anders dagegen die nahezu unvergleichlichen „Basars“ von Istanbul: „Das ungeheure Labyrinth von Kaufläden und Märkten, wo eine Einfriedung die andere umschließt, eine Gasse die andere durchschneidet, angefüllt mit den reichsten, mannigfaltigsten Erzeugnissen orientalischen Gewerbefleißes, durchwogt von einer geschäftigen Menschenmenge in den verschiedensten Trachten und Farben.“ Was „aber besonders bemerkenswert erscheint, ist: daß von allen Groß- und Kleinhändlern, die in dem großen Kauflabyrinthe zu Stambul ihre Geschäfte treiben, die Türken als die ehrlichsten und zuverlässigsten gelten.“ Bodenstedt nutzte auch die Gelegenheit „einen Blick in die Diplomatenwelt der Kaliphenstadt zu thun, welche damals als die hohe Schule der Diplomatie galt.“ Sein Freund Seymour hatte ihm ein „persönlich zu überreichendes“ Paket für den englischen Gesandten Sir Stratfort Canning anvertraut, der hier seit 1841 für sein Heimatland im Einsatz war. Vor allem bemüht, sowohl den russischen Einfluss in der Türkei zu bekämpfen, als auch jedes Vordringen eines französischen oder österreichischen Einflusses zu verhindern. Canning stand seinerzeit im Rufe „ein hochfahrender, nackensteifer John Bull zu sein.“ Eben das war aber „die Rolle, die er als Diplomat zu spielen hatte“, wie Bodenstedt ausdrücklich anmerkt, denn er erlebte ihn privat – anders als zuvor erwartet – stets freundlich zugewandt. Bodenstedt traf auch „einen älteren Bekannten am Bosporus, Dr. Georg Rosen“ wieder, der im Dienst der preußischen Gesandtschaft stand. Bereits in Tiflis war er mit ihm unterwegs gewesen und brachte nun einige Wochen in dessen Sommerresidenz in Bujukdere zu. Auch hier bot sich reichlich Gelegenheit für neue Kontakte: Er lernte den „jungen deutschen Gelehrten“ Dr. Gustav Bossart kennen, „der als Erzieher in der Familie des Fürsten Handjery lebte, dessen Palast in der Nachbarschaft lag“, tauschte sich ausgiebig mit ausländischen Gesandten aus, war bei Fürstinnen zu Gast und wurde zu einem „Balle im russischen Gesandtschaftspalaste“ geladen, „der an Glanz und Pracht nichts zu wünschen übrig ließ.“ Eindruck machten auf ihn auch die türkischen Frauen – trotz, bzw. gerade wegen ihres Schleiers. Die Türkinnen, „von denen man wenig mehr zusehen bekommt als die Augen“, erschienen ihm „in weit höherm Grad anziehend“, als die „ihr Gesicht unverschleiert zeigenden Griechinnen und Armenierinnen. Der geheimnisvolle Reiz des zierlich verhüllten regt die Phantasie zu verschönernder Ergänzung dessen an, was zu sehen gestattet ist, und ein paar dunkel zwischen weißem Musselin hervorglühende Augen erwecken leicht eine günstige Meinung für die Besitzerin. Doch bleibt es beim Anschauen aus der Ferne; an irgend welchen Verkehr mit türkischen Frauen ist gar nicht zu denken, sogar für die Türken selbst nicht außerhalb ihres Hauses.“ Fast jeden Tag und „immer schon früh“ trat Bodenstedt von Pera aus seine „Wanderung nach Stambul an, um nicht allzusehr von der Hitze zu leiden, die täglich unerträglicher wurde.“ Abends erschöpft zurückgekehrt „beschlich mich allmählich wieder eine Mattigkeit und Erschlaffung, die mich trieb, meine Abreise zu beschleunigen.“

In der „alten Heimat“
Und so ging es mit dem nächsten „Lloyddampfer“ weiter gen Heimat: „Der Herbst war schon ins Land gegangen, als ich über Triest, Wien, Prag, Dresden und Leipzig glücklich wieder in meiner alten Heimat eintraf.“ Natürlich verweilte Bodenstedt in diesen Städten nicht, ohne sich mit mehr oder weniger bekannten Zeitgenossen auszutauschen, etwa in Prag: „Unter den slavischen Gelehrten war damals der berühmteste Wenzeslaus Hanka, Bibliothekar des böhmischen Nationalmuseums in Prag. Er empfing mich überaus zuvorkommend und bot Alles auf, meinen Aufenthalt in der herrlichen Stadt angenehm und fruchtbar zu machen.“ (Hanka hatte es durch die von ihm angeblich entdeckten mittelalterlichen Grünberger und Königinhofer Handschriften zu Berühmtheit gebracht – später sollten sich diese als Fälschungen entpuppen, vermutlich sogar eigenhändig produziert.) Der Empfang im heimatlichen Peine „bot mancherlei rührende Szenen, die sich eingehender Schilderung entziehen.“ Seinen Vater traf er „noch am Leben und geistig ziemlich frisch, aber körperlich sehr leidend an.“ Dessen „Klarheit des Urtheils“ über die „Weltlage“ versetzte den weitgereisten Sohn „geradezu in Erstaunen.“ Seine Mutter hatte sich dagegen „um Politik nie bekümmert“ und gab ihm „zuweilen schmerzlich zu verstehen“, dass sie sich „absorgen müsse, um Haus und Feld einigermaßen in Ordnung zu erhalten.“ Denn sein Vater habe sich „immer mehr mit den Angelegenheiten der Welt als denen des Hauses beschäftigt.“ Friedrich Bodenstedt selbst konnte den Interessen seines Vaters nun aber etwas ausgesprochen Positves abgewinnen: „Er war der einzige Mann in der Stadt, der mich in Allem verstand, was über die nächsten Kirchthurminteressen hinausging.“  

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine – Sammlung Bodenstedt. Bodenstedt, F.: Tausend und Ein Tag im Orient, 2 Bde., Berlin 1850. Bodenstedt, F.: Erinnerungen aus meinem Leben, Bd. 1, Berlin 1888.

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2016“ Friedrich von Bodenstedt: Vom Schwarzen Meer nach Peine.