Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845

Archiv Sonderblatt 1/2015

von Michael Utecht

Friedrich von Bodenstedt: Abschied von Tiflis 1845 Aufbruch zum Schwarzen Meer

Rund eineinhalb Jahre hatte Bodenstedt seinen Wohnsitz in Tiflis. Von hier aus unternahm er zahlreiche Exkursionen in die nähere und weitere Umgebung der Kaukasusregion, widmete sich Sprache, Kultur und Geschichte ihrer Bewohner, studierte Landschaft und Natur.

Im Herbst 1843 war der 24-jährige von Moskau aufgebrochen, „um die Reise nach Tiflis anzutreten, wohin ich gern einem Rufe an das dortige Gymnasium folgte.“ Mit besten Aussichten auf reichlich schulfreie Zeiten, da ihm Ludwig Hake, ein Freund aus Moskauer Tagen, „vertraulich geschrieben hatte, daß ich wenigstens die Hälfte des Jahres hindurch ganz frei sein werde, wegen der vielen Festwochen im Winter, welche immer gewissenhaft gefeiert würden und wegen der ungeheuern Hitze im Sommer, welche lange Ferien nöthig mache.“

Bald zeigten sich jedoch die Schattenseiten: Die extremen klimatischen Verhältnisse waren dem Wohlbefinden des Dichters nicht eben zuträglich. Neben seiner angegriffenen Gesundheit gab es noch weitere Umstände, die ihn in der Absicht bestärkten, der georgischen Hauptstadt im Frühjahr 1845 den Rücken zu kehren.

Ein entscheidender Grund war die Abberufung des Statthalters in Tiflis, Alexander von Neidhart, den er aus seiner fast vierjährigen Moskauer Zeit kannte. Dieser war mit seiner Familie ein wichtiger Halt für Bodenstedt gewesen, zumal die Zeiten alles andere als friedlich waren: „Wochenlang währte der kriegerische Lärm in Tiflis als Vorspiel zum Ausmarsch nach dem Daghestan“ (an Georgien grenzend im Nordkaukasus). Aus nächster Nähe erlebte Bodenstedt damals die Kämpfe der Bergvölker des Kaukasus mit den Russen. Und die Lage wurde zunehmend bedrohlich.

Über die beunruhigenden Entwicklungen im Kaukasus wurde Bodenstedt von Henry Danby Seymour, mit dem er sich in Tiflis angefreundet hatte, informiert: „Gleich die ersten Mittheilungen Seymours über den bevorstehenden Umschwung der Dinge im Kaukasus hatten den Entschluss in mir geweckt, nach Deutschland zurückzukehren.“ Dauerhaft hatte er zwar ohnehin nicht bleiben wollen, „doch würde ich Tiflis nicht verlassen haben, so lange die Familie von Neidhart dort weilte.“

Der gleichaltrige Seymour stammte im Übrigen aus einer wohlhabenden englischen Familie und hielt sich – von Indien kommend – in Tiflis auf  „um seine orientalischen Studien fortzusetzen.“ Kennengelernt hatten sie sich bei der Familie Neidhart und gleich eine Gemeinsamkeit festgestellt: „Da wir Beide nicht tanzten fanden wir hinlänglich Zeit zu eingehender Unterhaltung“. Es entstand eine engere Beziehung, die nach der Rückkehr in ihre Heimatländer fortdauerte.

Die Entscheidung abzureisen verstärkte ein Brief von „Baron Cotta“, der Bodenstedt „die besten Aussichten eröffnete; meine Manuscripte hatten Stuttgart glücklich erreicht und die erfreulichste Aufnahme gefunden […], daß ich die schönsten Hoffnungen darauf baute.“ Den Titel „Die poetische Ukraine“ („Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder“, 1845 erschienen), wollte Cotta „mit Freuden“ herausgeben und „sicherte mir zwei Dritttheile des aus dem Vertrieb sich ergebenden Reingewinns zu. Der Brief zog mich wie mit Geisterhand wieder zur Heimath hin.“

Einen noch längeren „Aufenthalt in der Fremde“ sah Bodenstedt zudem als „wenig förderlich“ für seine Zukunft an: „Die schriftlichen Schätze, die ich gesammelt, konnte ich, nachdem ich den Schlüssel dazu hatte, in der Heimat besser erschließen und verarbeiten als in Tiflis, wo es für Fremde damals sogar an guten Wörterbüchern fehlte. […] Meine Abreise von Tiflis sollte mit Beginn des Frühlings 1845 vor sich gehen. Den Winter hindurch beschäftigte ich mich mit Vorbereitungen zu neuen Wanderungen und mit
Wiederaufnahme meines Studiums der georgischen Sprache und Literatur.“

Der Entschluss zur Abreise war also gefasst – und doch: „Was mir das Scheiden von Tiflis am meisten erschwerte und zugleich beschleunigte, war das Wiederaufflammen einer Leidenschaft, welche zu bekämpfen ich die unglaublichsten Anstrengungen gemacht hatte, wobei Stolz, Pflichtgefühl, angestrengte geistige Arbeit und ermüdende Körperbewegung durch Bergbesteigungen und scharfe Ritte mir zu Hilfe kamen.“ 

Julia Alexandrowna, Tochter eines russischen Admirals, hatte leidenschaftliche Gefühle bei dem 25-jährigen entfacht. Obgleich verheiratet – mit einem General und wenig glücklich – schien sie seine Liebe zu erwidern. Schon nach der ersten Begegnung mit ihr war sein Heimgang „mehr ein Schweben als Gehen.“ Dem umgehenden Wiedersehen am nächsten Tag folgten viele weitere Treffen, die offenbar sogar vom Ehemann gefördert wurden. Der erhoffte sich nämlich, dass ein gutes Teil der Beschwingtheit, die Bodenstedts Gesellschaft bei seiner Frau bewirkte, auch in die eigene eheliche Beziehung hinüber schäumte. Offensichtlich aber ein vergeblicher Wunsch des Generals, der „besser mit Kanonen als mit Frauen umzugehen [wusste].“

Bodenstedt selbst verarbeitete seine platonische und letztlich unerfüllte Liebe auch mit Gedichten, obwohl alles was er schrieb, ihm „nur wie Schatten des Lichtes vor[kam], das mir aufgegangen. […] Jeder folgende Besuch mehrte nur den tiefgehenden Zauber unter dem ich stand, bis zum Tage der Trennung. […] Wir blieben Freunde und sind es noch heute“, hielt er in seinen 1888 veröffentlichten „Erinnerungen“ fest.

Im April 1845 brach Bodenstedt auf in Richtung Schwarzes Meer – gemeinsam mit Freund Seymour, der ihn auf der rund 350 Kilometer langen Strecke begleiten wollte. Aber schon im Städtchen Gori, nach rund 80 Kilometern, kam dieser auf andere Gedanken: „Das ungewohnte Fahren auf der Telega hatte ihn dergestalt mitgenommen, daß er schwur, nie wieder einen solchen Marterkasten zu besteigen.“ Eine Alternative zu dem ungefederten Pferdewagen war jedoch nicht in Sicht: „Es fanden sich nur die landesüblichen Arbas vor, plumpe, zweirädrige Wagen, welche, von Büffeln gezogen, keine andere Annehmlichkeit boten als äußerst langsame Fortbewegung, wobei allerdings die Glieder nicht so gemartert wurden wie auf der windschnell über Stock und Stein rasselnden Telega.“

Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845
Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845
Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845
Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845
Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845
Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845

Überhaupt stellte sich die Weiterbeförderung als grundsätzliches Problem heraus, da man mit fünf Telegas und insgesamt 15 Pferden unterwegs war. Seymour, „der gewohnt war, es sich überall bequem zu machen, [hatte] soviel Gepäck mitgenommen, daß er für die Koffer und seine drei Diener allein drei Telegen brauchte“. Bodenstedt führte natürlich alle seine „Habseligkeiten“ mit sich, „worunter auch eine ansehnliche Kiste voll werthvoller Bücher und orientalischer Manuscripte war.“ Bei der Ankunft in Gori machte die Reisegruppe jedenfalls „auf Alle, die uns sahen, einen großartigen, auf den Ssmatritel (Posthalter), einen geradezu überwältigenden Eindruck“. Letzterer hatte indes nur 6 frische Pferde zum Austausch im Stall und so hätte man „die Nacht im schmutzigen Stationszimmer zubringen müssen, wenn uns nicht Oberst Kapiow, der Kommandant von Gori zu Hilfe gekommen wäre.“ In dessen gastfreundlichen und geräumigen Zuhause verbrachte man eine angenehme Zeit, die mit Ausflügen in das Umland verbunden wurde. Insbesondere der Ausritt „nach den Ruinen der altberühmten Felsenstadt Uphlis-Ziche“, hielt „eine wahre Zauberwelt landschaftlicher Schönheit in mannigfaltiger Abwechslung“ bereit. Die „in Fels gehauenen Wohnungen und Kapellen […] der steinernen Wunderstadt“ hinterließen bei Seymour und Bodenstedt einen nachhaltigen Eindruck.

Weniger abgewinnen konnten sie dagegen den aktuellen landestypischen Wohnstandards. Selbst „die Wohnungen der Fürsten dieses Landes bieten einem, durch europäische Pracht verwöhnten Auge wenig Anziehendes dar. Überhaupt habe ich einen, sich in vielen Dichtungen und Reisebeschreibungen oft wiederholenden Ausdruck nie verstehen können; ich meine den Ausdruck: orientalischer Luxus. Wo dieser weitgerühmte Luxus zu finden ist, weiß ich so wenig, wie einer von den vielen mir bekannten Reisenden, welche das Morgenland in allen Richtungen durchzogen haben.“

Unbeeindruckt waren sie auch von der angeblich größten Schönheit Georgiens, die ihnen der Kommandant vorstellte: „die junge Fürstin Martha Eristaff.“ Bodenstedt hatte sie bereits in Tiflis gesehen, als „bei Frau von Neidhardt lebende Bilder gestellt wurden, bei welchem sie als Ophelia mitwirkte und besonders durch ihr üppiges, fast bis auf die Fersen herabfallendes Haar allgemeines Entzücken hervorrief.“ Nun jedoch, aus der Nähe betrachtet, fand man sie arg überschminkt: Sie würde „uns besser gefallen haben […], wenn sie nicht so dick aufgetragen hätte.“
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Nun trennten sich die Wege: „Seymour, um den Martern der Telega zu entgehen, ließ sich ein Floß bauen, um nach Tiflis zurückzukehren, während ich zu Lande dem Schwarzen Meer entgegenzog.“ Die weitere Reise gestaltete sich ebenso abwechslungsreich wie – angesichts der landesüblichen Transportmittel – beschwerlich. Station machte Bodenstedt u. a. in „dem hoch und schön gelegenen Kutais, […] der Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Imerethi.“ Von hier aus musste er „desselben Weges ziehen, der die Argonauten einst hergeführt“ und genoss die „wundervolle Fahrt durch die immergrünen Wälder von Kolchis.“

Schließlich war das große Etappenziel, das Schwarze Meer, erreicht – obgleich Bodenstedts Euphorie sich in Grenzen hielt: „Redut-Kalé [Kulevi], seit 1820 von den Russen gegründet, ist der elendste aller Hafenplätze, die ich im Leben gesehen.“ Etwa 1500 Einwohner umfasste „der armselige Ort“. Neben der unfreundlichen Lage war „die Gegend ungesund und der Hafen im höchsten Grade gefährlich und unbequem. […] Als schon nach wenigen Tagen bei plötzlich eingetretener unerträglicher Hitze alle Zeichen des Sumpffiebers sich einstellten“, sah er davon ab „unter diesen Umständen vier Wochen lang auf die Wiederkehr des Kriegsdampfers zu warten.“ Daher ergriff er „mit freudigem Eifer“ eine sich überraschend bietende Gelegenheit, um „der ungastlichen Stadt, der ich auch nicht eine angenehme Erinnerung zu verdanken habe, den Rücken zuzukehren. […] Es war 8 Uhr Morgens am 19. April, als wir bei immer noch umwölktem Himmel Redut-Kalé verließen. Der Barkaß war flott gemacht“ und „auf den weißen Wellen des
Schwarzen Meeres“ ging es jetzt, umweht von frischer Seeluft, entspannt voran.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine – Sammlung Bodenstedt Bodenstedt, F.: Tausend und Ein Tag im Orient, 2 Bde., Berlin 1850; Bodenstedt, F.: Erinnerungen aus meinem Leben, Bd. 1, Berlin 1888

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2015“ Friedrich von Bodenstedt: Von Tiflis zum Schwarzen Meer 1845