Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829

Archiv Sonderblatt 3/2004

von Michael Utecht

„Bei der mit jedem Tag mehr fortschreitenden Gemeinbildung, wird wohl kein Bedürfnis, sowohl bei den Gelehrten als Ungelehrten, dringender gefühlt, als durch Lesen guter
Bücher dem Geiste jene ihm so heilsame feste Richtung zu geben, die keinesweges durch vieles Lesen des Allerlei, erworben werden kann.“

So beginnt – im weitschweifigen Stil der damaligen Zeit – das Schreiben, das den ersten Anstoß zur Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek in Peine gab.

Zu Papier gebracht hatte die Zeilen im November des Jahres 1829 ein junger Peiner Kaufmann, der jüdische Bürger Samson Ascher.

Eine bemerkenswerte Tatsache, da die gesellschaftliche Stellung der Juden durchaus ambivalent war – sie hatten keine vollen Bürgerrechte und es gab Vorbehalte gegenüber jüdischen Kaufleuten (das erste Mitglied der Kaufmannsgilde ist erst 1848 nachweisbar). In diesem Fall zählten allerdings nicht geschäftlich konkurrierende, sondern kulturell verbindende Interessen.

Der Wunsch nach Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten war insbesondere unter dem wohlhabenderen Bürgertum – zu dem sichtlich auch Kaufmann Ascher zählte – verbreitet, in Peine mit seinen rund 2800 Einwohnern ebenso wie in anderen deutschen Kleinstädten.

Private bildungsbürgerliche Initiativen nutzten den kleinen Freiraum, der sich auf dem kulturellen Sektor bot; denn politische Aktivitäten waren in jenen Zeiten verschärfter
Pressezensur und unterdrückter bürgerlicher Meinungsfreiheit ein risikobehaftetes Unternehmen.

Ascher konzentrierte sich in den Literaturvorschlägen, mit denen er sein Anliegen unterstrich, auf die „Geist erhebenden bildenden Schriften“, deren Verbreitung gefördert werden sollte. Namentlich „die Werke eines Klopstock, Schiller und Göthe“, eine Lektüre, die bisher nur wenigen zugäng- lich war. Das wiederum lag weniger am mangelnden Inter- esse, sondern an fehlenden finanziellen Mitteln: 

„Da die Vermögensumstände eines jeden aber nicht erlau- ben, neben den ihm unentbehrlichen Schriften, noch eine Büchersammlung zu unterhalten, die heutigen Tages … ungemein kostspielig wird, so war es schon längst ein Lieblingsgedanke des Unterzeichneten eine Gesellschafts- Bibliothek hier entstehen zu sehen, die bei ganz unbedeu- tenden Kosten, doch die Vortheile einer Privat-Bibliothek jedem Theilnehmer darböte.“ Ascher hatte sich bereits ausgiebig Gedanken zur Realisie- rung seines Vorhabens gemacht: „Wenn daher Unterzeich- neter, zu dieser Unternehmung gehorsamst einladet; so legt er zugleich einen Plan zur Ausführung derselben, vorläufig einem geehrten Publico mit der Bitte vor: dieses Werk nach Kräften zu unterstützen, und die gute Absicht die er dabei hegt, nicht verkennen zu wollen.

1. Wird jeder der Theilnehmer gebeten, einen Beitrag von 1 Rt 8 ggr fürs 1. Jahr herzugeben, um … dann Bücher an- schaffen zu können …“ (Rt=Reichstaler; ggr=gute Groschen, Anm.d. Verf.).

Außer den bereits erwähnten Werken, sollten „fürs erste“ u.a. Wieland, Herder und Shakespeare, sowie „für den tiefe- ren Denker“, u.a. Lessing, Wolf, Kant und Mendelssohn angeschafft werden.

Es „dürfte wohl kein Fach der Litteratur streng von dieser Bibliothek ausgeschlossen seyn“, sondern „späterhin sowohl der Jurist, Theologe, Arzt, und andere Gewerbetreibende manches für sie sogar nothwendige Werk darin finden kön- nen.“

Die Ausleihe sollte – bei einer Ausleihfrist von 14 Tagen – auf 1 Buch je Woche beschränkt bleiben. Als Gebühr „wird in den folgenden Jahren der Beitrag mit 16 ggr hinreichen, zudem da sich schon mehrere achtbare Männer erboten haben, Doubletten aus ihrer eigenen Bibliothek, um einen äußerst billigen Preis herzugeben …

Schließlich bitte ich ganz gehorsamst die Subscribenten, neben ihrer Unterschrift mir zugleich ihre achtebare[n] Bemerkungen über die vorläufig aufgestellten Art.[ikel] gefälligst mitzutheilen, und wird mir jeder gute Rath in die- ser Hinsicht willkommen seyn. In der Hoffnung, daß sich recht Viele finden mögen, die ein Unternehmen unterstützen, wovon wir schon genießen und die Nachkommen dereinst viele Früchte erndten werden, zeichnet.


Ganz ergebenst S.Ascher

Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829
Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829
Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829
Dr. jur. Salomon Fürst, Peiner Bibliothekar 1829 – 1879
Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829
Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829

Der Aufruf wurde in einem an literarischer Fortbildung interessierten Kreis als Umlauf weitergereicht, meist mit Kommentaren versehen – und Aschers Initiative vorbehaltlos unterstützt.

Zu den ersten der insgesamt mehr als 80 Unterzeichner gehörten Amtmann Westfeld („Die Anlegung einer Bibliothek …. scheint mir sehr angemeßen“) und Amtsassessor Ziegler. Außerdem dabei: Justizrat Dr. Fürst, Senator Küchenthal, Stadtphysicus Dr. Biermann und die jüdischen Kaufleute J. Wertheimer und S. Spiegelberg. Kantor & Konrektor Heinrich Molck trat „… mit vielem Vergnügen bei, wünscht aber, daß man bei den angeführten schöngeistigen Werken auch die gediegenen und für das allgemeine Publikum berechneten Lehr- und Erziehungsschriften unserer teutschen Pädagogen gütig beachten möge.“ Eine Forderung, die mancher der nachfolgenden Unterzeichner teilte; in der ersten Mitgliederliste finden sich deren Namen wieder.

Vertreten sind darin in erster Linie Geschäftsleute, Honoratioren und Handwerksmeister; neben den bereits genannten u.a.: Apotheker Mirus, Färber Krawehl, Weinhändler
Zehner, Buchbinder Will, Roßhändler Levi Solmitz, Tabaksfabrikant Horn, Postmeister Richelmann, Notar Dr. Fleischer, Pastor Budde, Bürgermeister v. Bertrab, Senator Ebeling, Notar Hübotter, natürlich Kaufmann Ascher – und 2 Frauen: „Amtmännin Westfeld“ und „Wittwe Molle (Bäcker)“.

Konrektor Molck zeigte sich besonders engagiert und bat am 11. Dezember 1829 um „eine baldige Versammlung des Commitees …, daß der Verein bald ins Leben trete, und in der zu veranstaltenenden Versammlung nicht allein die Statuten festgestellt, sondern auch zugleich über die anzuschaffenden Bücher … beschlossen werde.“ Schließlich lägen die „von Herrn Amtmann Westfeld mit Umsicht vorgeschlagenen Statuten“ bereits vor. 

Molcks Vorstoß trug Früchte: Schon am 10. Januar 1830 erschienen die Statuten der Bibliothek in gedruckter Form, eingebunden in die „Einladung zur Theilnahme an dem
Peiner Bibliothek=Verein.“

Amtmann Westfeld, der sich bei der Ausarbeitung der Satzung auch an Aschers Vorschlägen orientiert hatte, war in der Gründungsversammlung des Bibliotheks-Vereins am
23. Nov. 1829 mit 32 Stimmen zum 1. Vorsitzenden gekürt worden. Als weitere Mitglieder im Bibliotheks-Ausschuss waren gewählt: Amtsassessor Frank (27 St.), Pastor Linck (26 St.), Konrektor Molck (12 St.) und Kaufmann Ascher (13 St). Vergeblich kandidierten u.a. Assessor Johann Friedrich Ziegler (7 St.), Feibel Solmitz (2 St.), Pastor Budde (1 St.) und Dr. jur. Fürst (10 St.). Letzterer sollte aber künftig um so mehr in den Vordergrund treten:

Justizrat Dr. Salomon Fürst – auch er ein jüdischer Bürger – wurde erster Bibliothekar in Peine, eine ehrenamtliche Stellung, die er bis zu seinem Tod im Jahre 1879 innehatte.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, Rep 6/165-166 ; RF 23, Nr. 11; Ehrenbuch für die Peiner Juden ; Zechel, Artur: Die Geschichte der Stadt Peine, Band 3, Peine 1982.

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 3/2004“ Gründung des Bibliotheks-Vereins 1829