Die einstige Jutespinnerei in Vechelde

An dieser Stelle standen die Gebäude der ersten mechanischen Jutespinnerei auf dem europäischen Festland, die im Jahre 1861 von dem Kaufmann Julius Spiegelberg (1833-1897) aus Peine gegründet wurde. Sie ging hervor aus einer 1853 ebenfalls von Spiegelberg errichteten Flachsbereitungsanstalt und trug den Industriealisierungsprozess des 19. Jahrhunderts aufgrund günstiger Standortvorteile hinein in den seinerzeit kleinen Ort Vechelde und die umliegenden Dörfer.

Die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem 1. Weltkrieg veranlassten die Stillegung des Werkes im Jahre 1926. Fortan wurden die Gebäude durch die Braunschweigische Aktiengesellschaft für Jute- und Flachsindustrie und andere Firmen zu Produktions- und Lagerzwecken genutzt. 

Im Rahmen der städtebaulichen Sanierung sind die Fabrikgebäude im Jahre 1975 abgerissen worden. Erhalten geblieben sind lediglich der Torbogen der ehemaligen Jutespinnerei sowie die südlich davon gelegenen im englischen Baustil errichteten ehemaligen Arbeiterwohnungen. 

Gemeinde Vechelde/Oktober 1989

Jutespinnerei Vechelde
Jutespinnerei Vechelde
Jutespinnerei Vechelde

Im Zeitraum von September 1944 bis März 1945 war in der ehemaligen Jutespinnerei ein Unterkommando des Konzentrationslagers Neuen Gamme bei Hamburg untergebracht. 

Im Rahmen der deutschen Rüstungsproduktion wurden hier etwa 200 jüdische KZ-Häftlinge hauptsächlich polnischer und ungarischer Nationalität aus Auschwitz sowie andere Zwangsarbeiter unter menschenvernichtenden Bedingungen zur Arbeit im Fahrzeugbau der Firma Büssing gezwungen. Die Arbeitsbedingungen, mangelhafte Ernährung und Unterbringung, unzureichende hygienische Verhältnisse und fehlende ärztliche Versorgung forderten Todesopfer, deren Zahl durch den Evakuierungstransport kurz vor Kriegsende noch erheblich anstieg. Die wenigsten haben eine letzte Ruhestätte gefunden. Viele wurden im Braunschweiger Krematorium verbrannt: Ihre Asche wurde verstreut. 

Der Leidensweg der Häftlinge fand sein Ende im Auffanglager Wöbbelin in Mecklenburg. Dort wurden sie am 2. Mai 1945 durch einen amerikanischen Truppenverband befreit. 

Gemeinde Vechelde/Oktober 1989

Bezugsquelle: Informationstafeln links und rechts am Torbogen der ehemaligen Jutespinnerei.

Standort: Spinnerstraße in Vechelde. Weitere Straßennamen erinnern im weiteren an die Jutespinnerei. Diese sind: Flachsring, Juteweg, Weberstraße und die Spiegelbergallee.