Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“

Archiv Sonderblatt 2/2014

von Michael Utecht

Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“ „Myriaden von Sumpffliegen“ und „undurchdringliche Wolken stinkenden Qualmes“

Das besorgniserregende Resultat einer „Krankheitsstatistik über den Gesundheitszustand in der Provinz Hannover“ war Anlass für einen Artikel in der Peiner Tagespost vom 26. Juni 1904. Darin wurden „die sanitären Verhältnisse der Stadt Peine“ durchleuchtet. Nicht ohne Grund, denn hier war die höchste Sterblichkeitsrate der Provinz ermittelt worden. Ein Umstand, der „in erster Linie den ungünstigen [da sumpfigen] Bodenverhältnissen zuzuschreiben sei“, wie die Zeitung eingangs mutmaßte; doch die ursächlichen Missstände, die zu beseitigen waren, wurden nachfolgend schonungslos offen gelegt.

Nicht nur aufgrund „der täglich zunehmenden Einwohnerzahl“ galt es, „die Hauptsorge auf die Beseitigung jener stinkenden Gräben und Wasserläufe zu richten, welche inmitten der Stadt, besonders in den heißen Sommertagen, eine wahre Plage für die Anwohner derselben bilden. Insbesondere dem Wassergraben, welcher sich am Stadtpark entlang an dem schönsten Stadttheile hinschlängelt, entströmen derartige scheußliche Dünste und Gerüche, die nicht nur die ganze Umgegend verpesten, sondern auch den Tummelplatz von Myriaden von Sumpffliegen und anderem giftigen Geschmeiß abgeben, welche den Aufenthalt im Freien am Abend fast zur Unmöglichkeit machen. In der Nähe des Schützenstandes am Stadtparke ist in dem Wasserlaufe die Oberfläche des Wassers mit einer ekelhaften Fettschicht überzogen, welche durch den Einfluss der Sonne in Fäulnis übergeht und in Verbindung mit dem Schlamm, dem, oft aufgewühlt durch die in den braunen Fluten umherwatenden Kinder, jene lieblichen Düfte entströmen, welche den Anwohnern es unmöglich machen, an manchen Tagen die Fenster zu öffnen.“

Sicher, die Stadtverwaltung war bemüht, „die sanitären Verhältnisse zu bessern“, und hatte „durch die Schaffung des Stadtparkes und die Aufforstung des Herzberges sich ein unbestreitbares Verdienst erworben […], allein der oben erwähnte Uebelstand erheischt eine dringende Beseitigung […].“ Auch die Straßenreinigung ließ zu wünschen übrig: „Obgleich der § 63 der diesbezüglichen Polizeivorschrift besagt, dass bei trockener Witterung die Straße vor dem Fegen dergestalt mit Wasser zu sprengen ist, dass kein Staub entsteht, so geschieht dies doch in den wenigsten Fällen. […] Vor den meisten Häusern wird gar nicht, bei manchen nur ganz ungenügend gesprengt, indem die dienstbaren Geister mit der Hand aus einem kleinen Töpfchen oder einer Waschschale die Straße und den Gehweg in homöopathischer Weise bespritzen, wobei im Durchschnitt auf den Quadratmeter 10 bis 20 Tropfen kommen. Es weiß wohl ein Jeder aus eigener Erfahrung durch welche Wolken von Staub man in den Morgenstunden in der Fegezeit zu wandern hat. Wenn nun wie Sonnabends, die straßenseitigen Fenster der frischgescheuerten Zimmer offen stehen, so kann man sehen, wie die aufgewirbelten Staubsäulen bei den offenen Fenstern hineinwirbeln und die ganze im Zimmer des Hauses vollzogene Reinigungsarbeit durch die sogenannte Straßenreinigung wieder vernichtet wird.“ Nicht zu vergessen die gesundheitliche Gefahr durch den „von allerlei schädlichen Keimen geschwängerte[n] Straßenstaub für unsere Athmungsorgane!“ 

Ein weiteres sanitäres Problemfeld war „die unpraktische Art und Weise der Müllabfuhr. […] Verunziert schon die Paratstellung der 100erlei Gefäße, bestehend aus Kisten, Fässern, Kübeln, Weidenkörben, alten defekten Eimern auf den Gehwegen das Straßenbild, so macht sich der Uebelstand, daß vor manchen Häusern Kisten voll Unrath und Mist hinpostirt sind, welche kaum zwei Männer zu bewältigen im Stande sind, folglich von den Aufladern mit einem gewissen Schwung auf den Müllwagen geschleudert werden, daß nicht nur der in dem Wagen befindliche Staub und Dreck, sondern auch der Inhalt der Kiste nach allen Seiten hin in dichten Wolken sich verbreitet, in einer Weise geltend, die nachgerade ein Hohn auf die Straßensäuberung ist.“

Als Empfehlung wurde auf „das Beispiel anderer Städte“ hingewiesen, in denen „der Hausmüll, Asche etc. in practischen, mit Henkeln versehenen, gleichmäßig großen, verzinkten eisernen Eimern gesammelt wird, deren Entleerung […] nicht die Zweckmäßigkeit der Müllabfuhr illusorisch macht. Hier hat die Sanitätspolizei ein Feld, um eine ersprießliche Thätigkeit zu entfalten.“

Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“
Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“
Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“
Trügerische Idylle im Stadtpark um 1900: „Scheußliche Dünste“ entströmten dem nahen Wassergraben – „Tummelplatz von Myriaden von Sumpffliegen“.
Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“
Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“

Folgenreich für die Stadt war – in jeder Hinsicht – auch der enorme industrielle Aufschwung, der unbelastet von jedem Umweltschutzgedanken voranschreiten konnte. Nun zeigte sich die Kehrseite der Medaille: „Eine nicht minder große Plage verursachen die Schornsteine einiger inmitten der Stadt befindlichen gewerblichen Betriebe, deren Schloten in den frühen Morgenstunden undurchdringliche Wolken stinkenden Qualmes entströmen, der durch die dichtest geschlossenen Fenster in die umliegenden Wohnungen dringt und die Bewohner in aufdringlichster Weise belästigt. […] An Tagen, wo nicht die Natur mitleidig durch einen wohlthätigen Regen für die Erfrischung der Menschen und die Niederlegung des Staubes sorgt, ist die Luft mit Rauch und Staub oft derart geschwängert, daß sie theilweise denselben Anblick bietet, wie die Londoner Nebelperiode.“

Der letzte Kritikpunkt betraf „die ungenügende Bekanntmachung der Spülung der Wasserleitung“ – ebenfalls ein möglicher Krankheitsherd; denn meist sei „der größte Theil der Stadt in Unkenntnis der Wasser-Absperrung“. Eine Misere, die besonders Kranke treffen würde. Ohne einen Tropfen Wasser im Haus müsste der Geschwächte „das in seiner Krankenstube durch die Dünste und Ausathmungen […] verdorbene Wasser trinken, […] um seine lechzende Zunge zu kühlen.“ Das wiederum könne „zu einer weit schwereren Erkrankung“ führen und schließlich „Ursache einer Epidemie werden. Cholera und Typhus können hierdurch hervorgerufen werden und wir halten es für eine Pflicht unserer Bürgervertreter dahin zu wirken, daß auch dieser Uebelstand baldigst beseitigt wird.“

Bis es in allen beschriebenen Bereichen zu einer grundlegenden Verbesserung kam, mussten sich die Peiner allerdings gedulden. So gab die Fuhse 1909 ein unverändert erschreckendes Bild. Polizei-Sergeant Schütte protokollierte am 20. Juni, „daß das Wasser der Fuhse dermaßen übel roch, daß vorbeigehende Passanten sich sehr abfällig darüber äußerten. In der Fuhse schwimmen des öfteren menschliche Exkremente und tote Tierkörper (Ratten, Katzen) welch letztere teils schon in Verwesung übergegangen waren. Dieses ist gesundheitsschädlich und dazu geeignet, Krankheiten jeglicher Art hervorzurufen, besonders unter den Anwohnern auf der Kniepenburg und des Dammes [denn hier floss die Fuhse seinerzeit entlang]. Schon auf 50 bis 200 Meter Entfernung kann man den üblen Geruch wahrnehmen.“

Zu den Hauptverursachern des Desasters zählte – abgesehen von Straßenabwässern, die „wie dickflüssige Jauche“ in die Fuhse flossen – die Peiner Zuckerfabrik an der Ilseder Straße. Zwar hatte man bereits 1901 begonnen, eine Kanalisation anzulegen, doch bis zum Bau einer Kläranlage sollten noch knapp 30 Jahre vergehen. Erst 1931 wurde das anrüchige Kapitel beendet und ein Klärwerk in Betrieb genommen.

Die Einführung adäquater Abfallbehälter ließ ebenfalls auf sich warten. Verbindlich festgeschrieben wurde ihr Gebrauch offensichtlich erst mit dem Ortsstatut zur „Hausmüllabfuhr“ vom 15. Nov. 1912, wonach „zur Ansammlung des Hausmülls“ die speziell „vorgeschriebenen Behälter anzuschaffen und zu unterhalten“ waren.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, Peiner Tagespost, 26.06.1904; Rep 16/38; Rep 16/50; AF 136 Nr. 5

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2014“ Peine 1904: „Scheußliche Dünste und Gerüche“