Peiner Alltagsleben 1660

Archiv Sonderblatt 2/2010

von Michael Utecht

Mit dem Begriff „Kämmereiregister“ verbindet man – wenn überhaupt – vermutlich erst einmal nichts als dröge Zahlenkolonnen. Doch weit gefehlt: In den städtischen Rechnungsbüchern des 17. und 18. Jahrhunderts, die bei weitem nicht abschließend erforscht und ausgewertet sind, verbirgt sich hoch verdichtet lebendiges Alltagsleben im historischen Peine. Diese reichhaltigen stadtgeschichtlichen Quellen lassen schon beim flüchtigeren Durchblättern ferne Jahrhunderte näher rücken und man findet sich unvermittelt wieder inmitten zeitgenössischen Lebens, zum Beispiel des Jahres 1660. (Zum besseren Verständnis sind in der Texttranskription Worterklärungen und Anmerkungen in eckigen Klammern eingefügt; als Zahlungsmittel dienten Gulden/Florin (fl), Mariengroschen (gl) und Pfennige (d): 1 fl = 20 gl; 1 gl = 8 d.)
Bunte Vielfalt kennzeichnet die 37-seitige Rubrik „Ausgabe Undt allerhandt stadt Unkosten“. Erster vom Kämmerer notierter Betrag war eine Ausgabe des Rates – die damalige Stadtregierung mit Bürgermeister, Kämmerer und 4 Ratsherren – in eigener Sache: „1 fl 16 gl den H[erren] pastoren Verehret das sie möchten das liebe gebet für einen ehrenVesten [ehrenwerten] Radt dieses jhar Verrichten“. Doch der Rat war nicht nur auf die Förderung seines Seelenheils bedacht, sondern auch auf das Wohl anderer, etwa des Schulrektors: „3 fl 12 gl den H[errn] Rector Verehret einen Ducaten Zum neuwen jahr.“ Während hieraus zugleich der Währungskurs Dukaten – Gulden abzulesen ist, lässt die nächste Position auf frostige Tage im Januar/ Februar schließen: „6 gl den beyden Wechtern geben das sie hebben bey etzlichen brun [etlichen Brunnen] das eiß auff gehauwet den 2 feb“

„Ausgabe wegen denen hohen offciren“
Das in Peine stationierte Militär – ein Kontingent von 500 Söldnern befand sich damals in der Stadt – verursachte erhebliche Kosten und „Viel ander beyschwerung“. Peine sollte auf Beschluss des Landtages 1658 zur Festung ausgebaut werden und blieb kostenmäßig nicht unbehelligt. 1659 hatte mit Erdarbeiten am Wall und am Stadtgraben der Neuaufbau der im 30jährigen Krieg geschleiften Verteidigungsanlagen begonnen. Jetzt liefen die Arbeiten auf Hochtouren. Baumaterial wurde aus nah und fern herangeschafft, u.a. 700 Eichenstämme aus dem Amt Wiedelah und 15 Fuder Dielen aus Goslar. Die Grundsteinlegung zum eigentlichen Festungsbau erfolgte im Jahre 1660. Ein detailliertes Bild der Burganlage liefert die teilperspektivische Stadtansicht von 1675 (aus dem „Grenzabriss Peine – Meinersen“).
Um die für die Soldaten verantwortlichen Offiziere gnädig zu stimmen und von weiteren Schandtaten abzuhalten, wurden Geschenke und Geldgaben überreicht: „7 fl 4 gl den obersten leutnandt Verehret ein half Vas breyhan [halbes Fass Broyhan] Undt ein fedt kalf [fettes Kalb] das ehr möchte in Unsern besten sein; 10 fl 16 gl den H[errn] Ingenior [Ingenieur; hatte die Bauleitung inne] Verehret 3 Ducaten das ehr möchte in der stadt bester sein Undt keine Häuser herunter Rissen werden den 2 marty.“ Auch von den Offizieren angeordnete Arbeiten gingen zu Lasten der Stadt, ob Reinigungsarbeiten oder Fischfang: „1 fl 7 gl Hans Richers mit den Knecht geben das sie hebben müssen fischen [für] den obersten leutnandt im stadt graven den 24 marty.“ 

Sanierung des Rathausdaches, Osterfeuer und „Beer Schwein“
Arbeiten im und am Rathaus waren ebenfalls kostenträchtig. Von der unvermeidlichen Schornsteinreinigung: „1 fl geben einen schosteinfeger Von Hildesheim das ehr hat die schosteine gereiniget auffm Radthause“, bis zur Sanierung des Kellergewölbes: „2 fl Daniel Dolch geben für ein neuw slos [Schloss] Zu den neuwen gewelfft [Gewölbe] gemachet den 12 may; 1 fl 16 gl geben für 8 dannen dehlen [Tannendielen] seindt gebrauchet in des Radts keller stuben den 14 may“. Schließlich war das Rathausdach
zu erneuern: „18 fl den Theilmeister geben für 1000 dachsteine so gebrauchet sollen werden in des Radtes hausen den 7 july; 10 gl ihnen geben drinck gelt“. Brauchtum wurde gepflegt und kostete Geld: „6 gl noch den beyden wechters geben das sie hebben müssen auffsicht hebben nach den osterfeuwer“. Der Rat nannte einen Ochsen sein eigen, der von einem Bürger versorgt wurde: „6 fl Clages Bladtgersten geben das ehr hat dieses jhar des Radts oxen gefüttert Undt gewartet“. Außerdem gehörte der Stadt ein Eber: „7 fl H[errn] Hopman Piper geben das ehr hat das beer schwein [Eber] dieses jhar futtern lassen Welches der stadt von peina zu gehörig ist“; ein mit gewissen Risiken verbundenes Geschäft: „2 fl 14 gl Hopman Piper gudt gethan das ehr dieses jhar hat das beer schwein gehabt Undt ihm 4 fercken todt gebissen“. Von Schicksalsschlägen heimgesuchten Bürgern ließ man finanzielle Unterstützung zuteil werden: „1 fl 4 gl Hinrich Luttmers W:[itwe] Verehret ihr stidde Zinß [Stättezins; Grundsteuer] weiln ihr man dieses jhar ist gestorben Undt sie ebenmessig dieses gansse jhar mit allen kindern ist kranck gewesen“. Für ein Hochzeitsgeschenk griff man schon mal tiefer in die Tasche: „18 fl Verehret des H[errn] Canßlers dochter auff ihre hochzeit so ein ehrenvester [ehrenwerter] Radt ist darzu ein geladen den 15 aprilis“. Als Ehrengabe war das Ratswappen schon im 17. Jahrhundert beliebt: „1 fl 7 gl M Peter geben für des Radtes Wapen so in H[errn] Caspers haus ist Verehret den 23 july“.

Instandsetzung des Prangers auf dem Marktplatz
Ein im Jahre 1625 auf dem Marktplatz aufgestellter hölzerner Esel, diente als Pranger und sollte diese Lokalität als Ort der Schande ausweisen. Mittlerweile war die Tierskulptur anscheinend abgenutzt: „9 gl geben den Hagemannen das sie hebben etwas gemacht am Esel auffm marckt“. Im Haus der Hebamme war ein frischer Anstrich nötig: „2 fl 14 gl geben Casten Höer für 6 tage das ehr hat in der lehrweschen hause Undt bademutter [Hebamme] hause geschmieret Undt gewittjet [geweißt] den 24 aug“. Und auch den Stadtgraben galt es zu pflegen: „3 gl geben den marckmeister das ehr hat etzliche steine aus den graven gelanget beim stein Wege“. Da die Bürgerschaft nicht für hinreichende Reinigung ihrer Straßen sorgte, musste sie darauf hingewiesen werden: „6 gl den markkmeister Undt Tilen geben das sie den bürgern ansagen das sie die strasse Rein machen“. Im Übrigen zeigte sich der Marktmeister, der u.a. die Aufsicht über Markt und Gewerbewesen hatte, das ganze Jahr über einsatzfreudig. Sein Engagement blieb nicht unbeachtet und wurde vom Rat honoriert: „3 fl 12 gl den marckmeister noch Verehret Zu Hülffe eines neuwen Rockes Weil ehr ist fleissig gewesen den 2 january [1661]“.

„Martinischoß“ mit singenden „Schul Collegen
Soldaten halfen bei der Einziehung der monatlichen Steuern – natürlich nicht kostenlos: „12 gl 2 soldaten geben das sie hebben exequiret Von den bürgern das monat gelt den 6 stbris [September].“ Zusammenkünfte des Rates anlässlich Steuereinnahme und Rechnungsverbuchung waren ohne Schmaus und Trank nicht denkbar. Die im November fällige Bürgersteuer, der „Martinischoß“, gehörte zu den Haupteinnahmequellen der Stadt und verdiente einen besonderen Abschluss durch ein festliches Mahl: „1 fl 16 gl den Schul Collegen geben auff martini abendt das sie hebben gesungen auffm Radthause; 1 fl 10 gl H[errn] Daniel Dietz geben für acavit brandtwein Undt honnigkuchen beim schoß getruncken; 18 gl für Convect geben so beim schoß beide abendt ist gebrauchet“.

Peiner Alltagsleben 1660
Peiner Alltagsleben 1660
Peiner Alltagsleben 1660
Stadtansicht 1675
Peiner Alltagsleben 1660
Peiner Alltagsleben 1660

Novembersturm 1660: „Windtmöllers hause“ vom „starcken Windt Zerrissen“
Schwere Schäden verursachte ein Sturm im November: „10 gl Hans Jeger mit den knecht Undt beyden wechtern ihne geben das sie hebben den Zaun auffm Timmerhoff [Zimmerhof] wieder auffgerichtet den der starcke windt hat Umb geschmissen den 18 novbris; 1 fl Hans Top geben das ehr hat an des Doctors dach Undt an des Windtmöllers dach gebessert wie der starcke Windt ist geWesen den 16 Xbris [16.Dezember]; 1 fl 12 gl noch ausgeben für 16 ellern dehlen [Erlendielen] jedes 2 gl so gebrauchet sein an Windtmöllers hause Welches der starcke Windt hat Zerrissen den 18 Xbris.“

„Ausgabe auff arme leute“
Über mehrere Seiten erstreckt sich die Auflistung von mittellosen, meist durchreisenden Personen, denen man ein kleines Almosen zukommen ließ. Die Aufzählung reicht von armen Pastoren und Studenten bis zu Abgebrannten und Vertriebenen, Kranken und Versehrten – Bilder blanker Not.

Hier eine kleine Auswahl:
„3 gl einen Vertrieben Schulmeister geben den 30 january
6 gl Verehret einen armen pastor so ein bein hat gehabt
6 gl geben einen abgebranten man aus holstein den 14 aprilis
3 gl einer armen vertrieben frauwen die hat ein blindt kindt gehabt den 20 july
6 gl einen abgebranten man geben bey hannover den 5 aug
12 gl einen abgebranten man Verehret aus pommern seindt über die 100 häuser kirchen Undt schulen abgebrandt den 8 aug
3 gl einen studenten Verehret von Heidelberg den 12 aug
4 gl einer armen frauwen geben mit 4 kindern den 20 nobris
18 gl einer armen bürgerinne Verehret den 27 nobris
9 gl einen studiosus Verehret ist aus hollandt komen Undt nach Leipsich Reisen wil den 10 Xbris“
Die Gesamtausgabe für „arme Leute“ betrug 45 fl 52 gl. Zum Vergleich: Nur knapp unter dieser Summe lag mit 44 fl 15 gl allein die „Ausgabe auff Henni Berenß Radtes Verwanter seine beygrebnis“.

Einbußen beim Pfingstmarkt „weil die sage draussen ist gangen Alß sollte die pest bey Uns sein“
Die Einnahmen der Stadt resultierten hauptsächlich aus verschiedenen Steuern und Abgaben, z.B. wurde bei den mehrmals im Jahr stattfindenden Märkten Wege- und Standgebühr erhoben. Beim Pfingstmarkt hatte man 1660 allerdings ziemliche Einbußen an „Weg und Stidde gelt“ hinzunehmen: „weil die sage draussen ist gangen Alß sollte die pest oder eine ander kranckheit bey Uns sein, seint keine kramer oder Ander leute in den marckt komen.“ Nur kümmerliche 8 fl tröpfelten in die Stadtkasse, während im September die Geschäfte wieder besser liefen: 31 fl 11 gl brachte der „michaelis marckt“. Aber auch das war nur eine geringe Summe im Vergleich zum bereits erwähnten „martini schoß“, der Haupteinnahmequelle der Stadt. Die von jedem Bürger aufzubringende Steuer wurde im November fällig: 1024 fl 5 gl 7d wurden hier zu Martini eingezahlt. Außerdem flossen durch das ganzjährig an den Stadttoren erhobene „weg gelt“ 241 fl ins Stadtsäckel. Die von den Bürgern bewirtschafteten Gärten und Ländereien waren steuerpflichtig und jeder Neubürger hatte eine Gebühr zu entrichten. Letztere lag je nach Stand und Herkunft der Person im Jahr 1660 zwischen 9 fl und 43 fl und erbrachte insgesamt 168 fl 16 gl.

Braugeld, Mühlenbetrieb und Strafgelder
Braugeld, „ein genohmen Von Unsern brauherrn H[errn] Jacob Schultzen“, ergab ebenfalls ein stattliches Sümmchen: 849 fl 1 gl. Stadtschäferei, Ratskeller und Ratswaage (eine geeichte Stadtwaage, die u.a. zur Bemessung des Zolls diente) brachten rund 100 fl. „Zu beyhuff der schweren last undt Contribution“ – einer Abgabe insbesondere für militärische Zwecke – wurden von der Bürgerschaft zusätzlich „etzliche gelder gesamlet“. Viermal wurden die arg geschröpften Bürger 1660 zur Kasse gebeten und zahlten insgesamt 1686 fl 8 gl ein. Zur Errechnung einer schlüssigen Bilanz benötigte man allerdings einen externen Fachmann: „18 fl den H[errn] Doctor Verehret für seine muehe wegen der Contribution in die Richtigkeit zu bringen Undt Viel damit zu thun gehabt“.
Mit 24 fl Einnahme „Von der windtmöhlen undt Schleiffmöhlen“ war dagegen nicht viel Staat zu machen. Notwendige Instandsetzungsarbeiten an der Ratswindmühle am Wall (heutiger Standort: Töpfers Mühle) fraßen diesen Betrag fast vollständig auf. Ein Schlag ins Kontor war der im September eingesetzte neue Mühlstein: „28 fl 16 gl den H[errn] B[ürgermeister] Jost Lütken geben für einen mühlen stein so auff Unser Windtmöhlen ist gelecht Undt gebrauchet wirdt Undt ehr ihn gekaufft hat.“ Insgesamt beliefen sich die Reparaturausgaben in jenem Jahr auf 38 fl 11 gl.

Eine weitere – eher geringfügige – Geldquelle taucht unter der Rubrik „Einnahme Brüche“ auf. Hier wurden Strafgelder verbucht, die aufgrund kleinerer Vergehen fällig wurden, wie etwa Beleidigungen und Tätlichkeiten. So musste Hans Wolters 2 fl berappen, weil er „Hans Bussen Frauw gescholten und geschlagen den 16 octbris.“ Als unsittlich eingestuftes Verhalten wurde ebenfalls abgestraft: 7 fl 4 gl musste die unverheiratete Margarete Dorneman aufbringen, da sie „ist geschwengert undt hat alhier das Kindelbette gehalten den 16 february.“ Mit 6 fl wurden die Schäferknechte belegt, da „sie hebben mutwilliger Weise den Bürgern das Korn abgehütet.“ Die Gesamteinnahme „Brüche“ ergab 25 fl 14 gl. Immerhin fiel die Jahresbilanz finanziell positiv aus: „Summa Summarum aller Ausgabe 4523 fl 6gl 6d, das nun die Einnahme der Ausgabe
Übertrifft alß bleibet Voradt 1361 fl 7gl 2d“.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, Kämmereiregister 1660; Müller, T., Zechel, A.: Die Geschichte der Stadt Peine, Band 1, Peine 1972; Band 2, 1975.

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Telefon: 05171/49-538 | Fax: 05171/49-390
Internet: www.peine.de

Der Text stammt komplett aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2010“ Peiner Alltagsleben 1660