Peiner Freischießen im 19. Jahrhundert Bürger-Tambouren, Trommelboes und Poratzikow

von Michael Utecht

„Nur noch wenige Tage trennen uns vom „Peiner Freischießen“, welches Fest sich mit Recht auch Volksfest nennen ließe, denn an diesen Tagen ist Alt und Jung auf den
Beinen, um sich an all’ den Schau- und Lustbarkeiten zu ergehen … Und es ist nur zu wünschen, daß herrliches Wetter ist und das Fest nicht durch Regen gestört werden möchte.“
An Aktualität haben diese Zeilen sicher nichts eingebüßt, mit denen die Peiner Tagespost am 5. Juli 1889 ihren Lesern das bevorstehende Freischießen ankündigte.

Falls jemand die Meldung überblättert haben oder gar Nicht – Zeitungsleser gewesen sollte, bestand trotzdem kaum Gefahr, den Termin zu verschlafen. Garantiert unüberhörbar zog 14 Tage lang vor dem Freischießen ein Trommler als Vorbote des nahen Festes durch die Straßen.
Eine Tradition, die schon existierte bevor hier die erste Tageszeitung erschien (1848) und die sich bis in die Gegenwart erhalten hat. In jüngster Zeit marschieren in den
letzten zwei Wochen vor dem Fest jeweils montags und donnerstags zwei Trommler des TSV Bildung durch die Stadt.

Erstmals namentlich ermitteln lässt sich ein Trommler in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals amtierte der Maler Strube als „Bürger-Tambour“ – die Bezeichnung „Trommelboes“ wurde erst Jahrzehnte später gebräuchlich, dazu weiter unten mehr.
Letztmalig aktiv war Strube im Jahr 1848; im folgenden Jahr beantragte er aus Altersgründen seine Entlassung. Dem Gesuch wurde in einer Plenarsitzung des Magistrats am 15. Februar 1849 zwar stattgegeben, seinen Antrag auf Bewilligung einer Pension lehnte man allerdings ab. Es wurde „jedoch einstimmig beschlossen, dem Strube eine Unterstützung für das künftige Jahr von 3 Rtl (=Reichstaler) aus der Cämmerei-Casse in monatlichen Raten zu 6 mg (=Mariengroschen) extraordinair zu bewilligen.“
Für das vakant gewordene Amt gab es gleich zwei Anwärter: Als erster bewarb sich am 16. Febr. 1849 der Schuhmacher Ernst Leonhard, ein Stiefsohn Strubes. Am 7. März fertigte A. Boes sein Bewerbungsschreiben an den „wohllöblichen Gesammt-Magistrat“; darin machte er deutlich, dass die Wahl eigentlich nur auf ihn fallen konnte, „denn es wird jedem von den Herren bekannt sein, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, und sogar manches in meinem Geschäft versäumt habe, um das Trommeln zu erlernen, und auch stets meinen Dienst bei der Bürgerwehr, wie auch in besonderen Fällen geleistet habe, in der Hoffnung … dereinst diese Stelle zu bekommen.“
Dagegen war Leonhard so gut wie chancenlos. In der zwei Tage später abgehaltenen Plenarsitzung des Magistrats (mit Bürgermeister Fromme, den Senatoren und Bürgervorstehern) „entschied man sich per majora für den Maurer Boes und beschloß diesem die Stelle zu übertragen.“


Doch was zunächst so zügig und reibungslos über die Bühne gegangen war, sollte nicht von langer Dauer sein. Nur wenige Jahre später war die Harmonie zwischen Boes und Magistrat und den übrigen für das Fest Verantwortlichen schwer gestört. Am 12. Juli 1856 – inzwischen gab es einen zweiten Tambouren – machte „der hiesige Bürger und Kupferschmiedemeister Wilhelm Zelle als Bürger-Schaffer“ seine Beschwerde aktenkundig:

„ … die beiden Bürger-Tamboure: Fuhrmann und Maurer Boes u. Arbeitsmann Hr. Ernst, deren Dienst im Freischießen darin besteht, daß sie beim Aus- und Einzuge, sowie beim Schießen selbst die Trommel rühren, haben sich Verschiedenes zu Schulden kommen lassen …“ Dass der Alkoholkonsum dabei eine tragende, bzw. wohl treffender eine traurige Rolle spielte, versteht sich fast von selbst, wie die Aussage des Schaffers unterstreicht; denn „die obgedachten Tamboure haben sich im Dienste während des Freischießen … in einer Anstoß erregenden Weise betrunken gezeigt, namentlich vor dem Einzuge …“

Maßlose Zecherei war sicher auch die Hauptursache für weitere Vergehen, die aufgezählt wurden. So hatten sie den Anordnungen der Bürgerschaffer „nicht gebührende Folge geleistet, sondern sich fortwährend widerspenstig gezeigt …“ Ihnen zugewiesene Posten hatten sie nicht eingenommen, was den Festablauf verzögerte, so dass schließlich „die Schaffer genöthigt waren, den Schützenkönig ohne übliche Tambour-Begleitung ins Bürgerzelt zu führen.“ Sie blieben nicht nur dem Einzug fern, sondern „haben sich auch nachhernicht wieder auf dem Schützenplane gezeigt.“

Namentlich Tambour Boes hatte dazu „im Dienst höchst ungebührliche Reden geführt“ und mit – vermutlich – schwerer Zunge den Bürgermeister übel beleidigt. Überhaupt traten sie während des Freischießens vorwiegend störend in Erscheinung und haben „die Bürger durch ordnungswidrige zudringliche Betteleien ungebührlich belästigt“.

Eine Kürzung ihres Entgeltes durch Schaffer Zelle weigerten sie sich hinzunehmen, worauf dieser ihnen ihren Lohn gänzlich vorenthielt. Der am 12. Juli von Zelle gestellte Antrag, „die beiden Tambouren, oder doch wenigstens Boes“ zu entassen, wurde am 11. Sept. in einer Plenarsitzung des Magistrats verhandelt.

Einmütig wurde beschlossen, „den Bürger-Tambour Boes seines Postens wegen Trunkfälligkeit und ungebührlichen Betragens zu entheben.“

Archiv Sonderblatt der Stadt Peine 2/2001
Archiv Sonderblatt der Stadt Peine 2/2001
Archiv Sonderblatt der Stadt Peine 2/2001
Gustav Dollau, letzter allein marschierender Trommelboes, schwang bis in die 1960er Jahre die Trommelstöcke.
Archiv Sonderblatt der Stadt Peine 2/2001

Ungeachtet seiner Verfehlungen und unehrenhaften Entlassung drückte Boes dem Amt des Bürger-Tambouren seinen (Namens-) Stempel auf: „Trommelboes“ wurde zu einem Begriff, der seit etwa hundert Jahren fest eingebürgert ist.

Seine direkten Nachfolger waren allerdings noch als „Tambouren“ tätig. Umgehend nach der Amtsenthebung von Boes inserierte der Magistrat die Stelle in der Peiner Zeitung. Durch Ausruf, sowie Aushänge im Rathaus und Schützenhaus wurde für umfassende Öffentlichkeit gesorgt.

Am 14. April 1857 beschlossen die städtischen Collegien auch den Tambour Ernst „seiner Kränklichkeit wegen von der Function zu entbinden“ und zwei neue Bürger einzustellen: „Arbeitsmann Vockel und Arbeitsmann Leonhardt“. Letzterer kam nun nach erstem vergeblichen Bemühen – als man Boes den Vorzug gab -, doch noch zum Zuge. Als Vergütung erhielten sie jeweils 3 Reichsthaler jährlich aus der Kämmereikasse, dazu wurden Uniform und Trommel gestellt. Zusätzlich geforderte Leistung: „das Lärmschlagen mittelst einer Trommel bei etwa ausbrechendem Feuer in der Stadt“.

1865 trat der Nachtwächter Pollmann die Nachfolge des verstorbenen Vockel an. Nur drei Jahre später beschloss der Magistrat „die Bürger-Tamboure als ein … nutzloses Institut eingehen zu lassen. Es soll daher dem gegenwärtigen Bürger Tambouren gekündigt werden.“

Damit endete zwar das diesbezügliche Engagement des Magistrats, nicht jedoch der weitere Einsatz eines Trommlers zur Ankündigung des Freischießens. Letzter allein marschierender Trommelboes war Gustav Dollau, der bis in die 1960er Jahre die Trommelstöcke schwang. Danach versah man zu zweit den Dienst, und im Jubiläumsjahr 1997 (400 Jahre Schützengilde) teilten sich drei Trommelpaare die Arbeit, zu denen sich noch jeweils ein Herold gesellte, so dass man -wie auch jetzt wieder- als Trio unterwegs war.
Zu den Geschichten und Anekdoten über den Trommelboes steuerte die Peiner Zeitung vom 3. Juli 1932 eine weitere bei, die den Aufzeichnungen eines alten Peiners aus der Zeit um 1880 entstammte. Demzufolge wurde der Trommler damals „Poratzikow“ genannt, unterwegs „noch mit der großen Trommel aus dem Dreißigjährigen Krieg.“

Weiter heißt es: „Junge, Junge, das waren Festtage, wenn „Poratzikow“, dieses der Spitzname des Trommelboes, ein Mann von martialischem Aussehen, mit blaurotem Gesicht und roter Nase, mächtigem Schnurr- und über handlangem starken Spitzbart, abends in stark entnüchtertem Zustande, das Kalbfell gerbend, in Schlangenlinien durch die Straßen zog. Richtiger gesagt, von einer Kneipe zur anderen zum Freitrunk zog und sich soviel edlen Korns einverleibte, daß er schließlich Mühe hatte, sich der Hänseleien der Bengels, die ihn stets in hellen Haufen begleiteten, zu erwehren.

Einmal gab es ein herrliches Bild: „Poratzikow“ konnte sich von einem recht freundlichen Wirt nicht trennen, da es hier „umsonst“ seinen Leib- und Magenschnaps im Regenschirm (ein außergewöhnlich großes Schnapsglas) in immer neuer Auflage gab. Als er sich dann an seine Pflicht erinnerte, daß er als Trommelboes die Junggesellen zum Exerzieren zusammenzurufen habe, fiel ihm dieses recht schwer. Doch Hülfe war schnell zur Stelle, ein paar halbstarke Burschen nahmen sich seiner an, hängten ihm das Bandelier seiner Trommel allerdings so um, daß sie anstatt an der Vorderseite ihres Herrn und Meisters auf der Rückseite hing. In seliger Laune ließ „Poratzikow“ sich von zweien seiner jungen Freunde unter die Arme nehmen und durch die Stadt führen, während der Dritte die auf seinem Rücken hängende Trommel schlug.“

Bezugsquelle:
Stadtarchiv Peine, RF 260, Nr. 23; PTP, 5.7.1889, PZ, 3.7.1932

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 2/2021“ Peiner Freischießen im 19. Jahrhundert. Bürger-Tambouren, Trommelboes und Poratzikow.