Rudolf Otto - Peiner Theologe und Religionswissenschaftler

Archiv Sonderblatt 3/2013

von Michael Utecht und Jürgen Rump

Rudolf Otto – Peiner Theologe und Religionswissenschaftler * 25.09.1869 in Peine; † 06.03.1937 in Marburg

Rudolf Otto gehört zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Sein 1917 veröffentlichtes Buch „Das Heilige“ ist bis heute in mehr als 37 Auflagen erschienen. Es wurde in viele Kultursprachen übersetzt, darunter auch ins Indische und Japanische. Kein anderes deutsches theologisches Buch des letzten Jahrhunderts ist so verbreitet. Insbesondere mit diesem Werk, dessen Strahlkraft bis in die Gegenwart reicht, erlangte Rudolf Otto weltweite Bedeutung.

Am 25. September 1869 wurde Rudolf Otto in Peine als Sohn des Peiner Essig- und späteren Malzfabrikanten Friedrich Wilhelm Otto geboren (als vorletztes von 13 Geschwistern). Dieser verkaufte die Malzfabrik im Jahre 1871 an den aus Oschersleben stammenden Kaufmann Wilhelm Heine und gründete 1876 ein neues Unternehmen in Hildesheim, die „Friedrich Wilhelm Otto Malzfabrik“. Er starb, als die Familie Anfang der 1880er Jahre nach Hildesheim übersiedelte. Dort trat der zwölfjährige Rudolf in das Gymnasium Andreanum ein – in Peine hatte er zuvor Privatunterricht in Latein und Griechisch erhalten.

Die wichtigsten weiteren Lebensstationen des einflussreichen Theologen in chronologischer Folge:

  • Von 1888 bis 1892 studiert Otto Theologie in Erlangen und Göttingen.
  • 1898 wird er mit einer Arbeit über den Heiligen Geist bei Luther zum Lic. theol. promoviert (Lic. = Lizentiat: Inhaber einer akademischen, hier theologischen Lehrbefugnis).
  • 1905 Promotion zum Dr. phil. in Tübingen
  • Nach achtjähriger Tätigkeit als Privatdozent wird Otto 1906 zum außerordentlichen Professor in Göttingen ernannt
  • Von 1913 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ist er als Abgeordneter im preußischen Landtag und setzt sich insbesondere für das allgemeine und gleiche Wahlrecht ein. 1919 wird Otto Mitglied der verfassungsgebenden preußischen Landesversammlung.
  • 1915 wird er Professor für Systematische Theologie in Breslau und 1917 in Marburg.
  • 1917 erscheint Ottos Hauptwerk „Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“. Die Bedeutung des Buches liegt darin, dass Otto das Heilige neu entdeckt und ganz anders beschreibt als es vielfach üblich ist. Er setzt das Heilige nicht gleich mit dem absolut Sittlich-Guten, er reduziert es nicht auf Moral und Ethik. Neben einer rationalen Komponente enthält das Heilige einen irrationalen Grund, von Otto als das Numinose (frei: das Göttliche) bezeichnet. Das Numinose hat einen doppelten Charakter. Zum einen ist es das „mysterium tremendum“, das Erschreckende, eine unnahbare Macht; und zugleich hat das Numinose etwas eigentümlich Anziehendes, Faszinierendes. Das tremendum und das fascinosum gehören unauflöslich zusammen; miteinander sind sie in allen Religionen „ihr eigentlich Innerstes“. Otto entdeckt die Gottheit Gottes neu, die Wucht der Begegnung mit dem Göttlichen, die nichts mit einer „gemütlichen Lieber-Gott-Stimmung“ zu tun hat
Rudolf Otto Peiner Theologe und Religionswissenschaftler
Rudolf Otto Peiner Theologe und Religionswissenschaftler
Rudolf Otto Peiner Theologe und Religionswissenschaftler
Geburtshaus von Rudolf Otto am Friedrich-Ebert-Platz Nr. 22, um 1930
Rudolf Otto Peiner Theologe und Religionswissenschaftler
Zur Erinnerung an Rudolf Otto wurde am 25. September 2013 eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus am Friedrich-Ebert-Platz 22 eingeweiht.
  • 1921 gründet und leitet er den „Religiösen Menschheitsbund“ als interreligiöse Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung allgemein sittlicher Ziele. Mehrere Reisen nach
    Nordafrika, Asien und in den Nahen Osten (1911–1912 und 1927–1928) unterstreichen sein Interesse für Weltreligionen – insbesondere für den Hinduismus – und das
    friedliche Gespräch miteinander. „Als der Menschheitsbund 1922 seine erste größere Tagung in Berlin abhielt, gehörten seinem Vorstand ein katholischer Geistlicher, ein evangelischer Konsistorialrat, ein jüdischer Rabbiner und ein buddhistischer Mönch an. […]Als das Jahr 1933 kam, mussten die Juden den Menschheitsbund verlassen. Ottos Idee einer Verbrüderung aller religiösen Menschen war an einer Macht gescheitert, der gegenüber er mit den Waffen des Geistes nichts auszurichten vermochte.“ (Zechel).
  • 1927 gründet er die Religionskundliche Sammlung an der Universität Marburg, eine der bedeutendsten in Europa.
  • Aus Gesundheitsgründen wird Otto Ende März 1929 emeritiert.
  • Am 6. März 1937 stirbt Rudolf Otto unverheiratet in Marburg

Mit Rudolf Otto verbinden sich bedeutende Impulse für Theologie, Religionsphilosophie, Religionswissenschaft und Psychologie, unter anderem auf Paul Tillich, Mircea Eliade und Carl Gustav Jung. In der internationalen Debatte kommt Ottos Denken gerade heute neu ins Bewusstsein und kann einen Beitrag leisten zur friedlichen Begegnung der Religionen und Kulturen.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine; Zechel, Artur: Der Prophet im Vaterlande: Rudolf Otto – der unbekannte Peiner. In: Peiner Heimatkalender 1980; Neue deutsche Biographie. Bd.: 19 Nauwach – Pagel; Braunschweigisches Biographisches Lexikon 19. und 20. Jh. Hannover 1996; Otto, Rudolf: „Das Heilige“. München 2004;
Bildnachweis: Bildrechte der Portraits Rudolf Otto: Universitätsbibliothek Marburg, Nachlass Rudolf Otto; Abb. Geburtshaus: Stadtarchiv Peine.
www.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Otto (03.09.2013)
www.uni-marburg.de/bis/ueber_uns/de (03.09.2013)
www.zeitzeichen.net/archiv/2013_Januar_der-theologe-rudolf-otto (03.09.2013)

Stadt Peine | Stadtarchiv | Windmühlenwall 26 | 31224 Peine
Telefon: 05171/49-538 | Fax: 05171/49-390
Internet: www.peine.de

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 3/2013“ Rudolf Otto Peiner Theologe und Religionswissenschaftler