Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945

Archiv Sonderblatt 1/2005

eingeleitet von Michael Utecht

Stadtverwaltung und Besatzungsmacht – ein Bericht aus dem Sommer 1945

Am 24. April 1945 beauftragte die amerikanische Besatzung eine Gruppe von Peiner Bürgern mit der Leitung der städtischen Verwaltungsgeschäfte. Zu dem ausgewählten Personenkreis gehörte u.a. Dr. Unterhorst, damals Leiter der städtischen „Oberschule für Jungen und Mädchen“. Aus dessen Feder und somit aus erster Hand stammt
vermutlich der zwar nicht unterzeichnete aber immerhin exakt datierte Bericht vom 7. August 1945. Unterhorst beschreibt darin authentisch die Schwierigkeiten, die
Verwaltung der Stadt und das Alltagsleben in Peine neu zu organisieren und in geregelte Bahnen zu lenken. Auffällig ist die damals allgemein in der Bevölkerung verbreitete und auch bei Unterhorst anzutreffende vorurteilsbehaftete Wahrnehmung der hier lebenden Ausländer – jene während der NS–Zeit zur Arbeit verpflichteten Zwangsarbeiter. Ein Versuch deren Lage zu verstehen wird nicht unternommen, bemerkt werden allein die gesetzeswidrigen Vergehen. Nachfolgend sind die Aufzeichnungen wiedergegeben, mit geringfügigen Kürzungen, im Wortlaut jedoch unverändert; Erklärungen sind in eckigen Klammern eingefügt.

„Auf Grund der Vorschläge des „Fünferausschusses“, bestehend aus den Herren Altenhoff, Dr. Bode, Gallinis, Schnippering, Wolff, wurden am 24. April 1945 von der Amerikanischen Besatzung mit der Leitung der städtischen Geschäfte beauftragt: Herr Hertel (Bürgermeister), Herr Gallinis (2. Bürgermeister, Leitung der Stadtwerke, Wohnungsamt), Herr Schnippering (Wohlfahrtsamt, Kartenstelle, Gemeinschaftsküche), Herr Dr. Bode (Personaldezernat), Herr Dr. Unterhorst (Schulen, Krankenhäuser, Kulturpflege), die vier letzt Genannten wurden Stadträte. Doch wurden Dezernatverteilung und Besoldung erst später festgesetzt. Dr. Bode und Dr. Unterhorst übernahmen freiwillig die Stellung unbesoldeter Stadträte.

Ursprünglich war Dr. Bode zum Bürgermeister ausersehen, dann Stadtbürodirektor Hinze. Beide lehnten ab; Dr. Bode, weil er in erster Linie dem PW [= Peiner Walzwerk] dienen wollte; Herr Hinze, weil er sich – nach Rücksprache mit Herrn Dr. Unterhorst – der Aufgabe nicht gewachsen fühlte. Dr. Bode war noch am 22. nicht in Peine und mußte erst am 23. geholt werden. Zum Dolmetscher war Herr Kaufmann Hertel auserwählt; die Lage brachte es mit sich, daß man ihn dann für den Bürgermeisterposten gewann. Zum Chef der Polizei wurde Herr Altenhoff bestimmt. Auf Veranstaltungen des amerikanischen Capt. Field von der CIC [Counter Intelligence Corps = Militärischer Abschirmdienst der US–Armee] wurde die alte Polizei ganz entlassen. Lauter freiwillige Zivilisten wurden als Polizisten eingesetzt, allerdings stellte sich bald heraus, daß manche den zu stellenden Anforderungen nicht genügten und wieder entlassen werden mußten. Eine eigentliche Neuordnung der Polizei fand erst statt, als die amerik. Besatzung durch die englische Militärregierung abgelöst wurde [Anfang Juni 1945]. Der für Hannover bestallte neue Polizeioberst Schulte machte seinen Einfluß auch in Peine geltend, Oberleutnant Peinz kam nach Peine zurück und nahm die Neuordnung in die Hand. Herr Altenhoff trat zu unserem Bedauern zurück. Durch den Fortgang der amerik. CIC wurde unsere Stellung gegen den Nazismus sehr erschwert. Die Grundsätze zur Bereinigung der Beamtenschaft und der Betriebe von nationalsozialistischen Elementen sind noch heute mehrdeutig; immer bleibt es auch aus Gründen der Gerechtigkeit notwendig, jeden Einzelfall gesondert zu prüfen; das freie Wirtschaftsleben ist noch heute völlig unberührt, und Machtmittel stehen der Stadt für ein Durchprüfen nicht zur Verfügung. Auch mit der englischen Militärregierung wurde Rücksprache gehalten über Bekämpfung des Nazismus; wir fanden zwar Verständnis, doch sind 1.) die Machtmittel selbst der englischen Herren begrenzt und 2.) war auch der häufige Wechsel der Militärregierung in Peine hinderlich. Es sei erwähnt, daß wir erstmalig am 6. August von einer deutschen Regierungsstelle über politische Tragbarkeit von Beamten befragt wurden, und daß erstmalig an diesem Tage uns ein besonderer Auskunftsbogen als Ergänzung zu dem englischen Fragebogen zuging …

Erschwert wurde unsere Arbeit in den ersten beiden Monaten sehr durch den steten Wechsel in der Kommandantur und der Militärregierung. Der erste amerikanische
Herr, dem wir unterstanden, und der uns auch in unsere Ämter einsetzte, war Herr Wolkomir. Tatkräftig, rastlos fleißig, zielbewusst, leitete er die mil. Dinge zu unserem Heil. In unserem Gedächtnis bleibt stets die Erinnerung an seine kleine Reiseschreibmaschine, auf der er schnell seine Entscheidungen selbst tippte, ohne bürokratische Formulare und ohne Bürostab, bleibt die Erinnerung an seine energische Warnung an die Ausländer („Ich lasse schießen! Auch die Deutschen stehen unter meinem Schutz! Und was ich befehle, befiehlt General Eisenhower“), bleibt die Erinnerung an den Einsatz zusammengeraffter Truppen gegen die Tausende, die die Zuckerschiffe im Hafen plünderten. Er war militärisch nur ein Leutnant, aber er war mehr als das ….

Die Bevölkerung Peines ahnt gar nicht, was sie ihm verdankt. – Es folgte ihm Oberst Lane, mit dessen Feldwebel Smith wir gern verhandelten. Drei Tage herrschte dann eine andere Kommandantur, an die wir keine Erinnerung haben. Sie wurde wieder durch Oberst Lane abgelöst. Als 5. erschien aus Klötze Oberst Yardley mit Capt. Fishmann und einem wesentlichen größeren Apparat: eine zwar freundliche, aber anspruchsvolle Regierung. Sie wurde dann 6.) ersetzt durch die eigentliche englische Militärregierung 1.) Major Davison [?], 2.) Major Backhaus, 3.) Oberst Hill. Die größere Zurückhaltung der englischen Herren machte uns zunächst die Arbeit nicht leicht. Durch Ruhe und ähnliche Zurückhaltung bei gleichmäßiger Willigkeit, den Wünschen und Anforderungen zu entsprechen, sind wir anscheinend auf dem Wege, auch das Vertrauen der englischen Herren zu gewinnen.

Als wir das Amt übernahmen, waren alle Schulgebäude der Stadt mit Lazaretten belegt. Jetzt sind es nur noch drei; nach und nach gelang es, die Lazarette nach außerhalb zu verlegen. Durch amerikanische Hilfe wurde vor allem die stärkere Belegung KleinBültens (Schacht Emilie) und Adenstedts ermöglicht. In Ölsburg mußten wir ein besonderes Krankenhaus für Ausländer schaffen …

Der erste Chefarzt der deutschen Res. Lazarette in der Stadt war bei dem Einzug der amerik. Truppen Herr Dr. Schnabel. Er hat mit Dr. Meyeringh und Major Volkenborn einen entscheidenden Anteil an der Rettung der Stadt. Herr Dr. Meyeringh wurde von den Amerikanern zum Betreuungsarzt für alle deutschen Lazarette ernannt, weil man Wert darauf legte, nur mit einem zu verhandeln.

Erschwert wurde die Verwaltungsarbeit der ersten Wochen sehr durch das Fehlen der Fernsprechverbindung … Auch ein Wagen stand anfangs nicht zur Verfügung. Mitte Mai waren diese Schwierigkeiten behoben; ja, wir waren in der Benzinbeschaffung zunächst wesentlich günstiger gestellt als andere Orte.

Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945
Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945
Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945
Maurice Wolkomir, CIC, erster amerikanischer Kommandant in Peine
Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945
Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945

Die Ratssitzungen wurden im 1. Vierteljahr unserer Tätigkeit absichtlich nicht im verwaltungsmäßigen Stil geführt; da der Inhalt der Besprechungen wegen seines politischen und persönlichen Charakters vertraulich bleiben musste, und wir uns eingehend aussprechen mußten, wurde von einer Protokollführung abgesehen. In den ersten beiden Monaten verbot sich eine bürokratische Form auch deshalb, weil dauernd Störungen unserer Ratssitzungen durch Vertreter der Besatzungsmacht erfolgten, die sich laufend mit unzähligen kleinen und großen Wünschen an den „Bürgermeister“ wandten. Die Erfüllungen dieser Forderungen, von Quartierbeschaffungen bis zu kleinen Einrichtungsgegenständen war auch weiterhin vordringliche Aufgabe. Wegen der Quartierbeschaffung war das Wohnungsamt dasjenige Amt, das mit am meisten belastet war. Oft haben amerik. Truppen Quartiere beschlagnahmt, ohne uns vorher oder nachher zu benachrichtigen; weinend oder klagend traten viele Einwohner an uns heran, ohne daß es in unserer Macht lag, Mißstände und Übergriffe abzustellen. Als die englische Militärregierung die Macht übernahm, trat sofort mehr Ordnung ein. Ein Town–Major für Quartierfragen bringt auch deutschen Vorstellungen Verständnis entgegen. Die Peiner machen sich es im übrigen gar nicht klar, daß Peine bisher im Vergleich zu anderen Städten wenig belegt ist … Es sei angeführt, daß die bisher stärkste Einquartierung sich auf 4.000 Amerikaner belief.

Während die Stadträte im Verkehr mit der Besatzung meist auf einen Dolmetscher angewiesen waren, hatte unser Bürgermeister den unschätzbaren Vorteil, die englische und französische Sprache völlig zu beherrschen. Daraus entsprang zugleich, besonders mit den amerikanischen Herren, eine sehr persönliche Umgangsart, die auch durch
Besuche amerikanischer und später englischer Offiziere in der Privatwohnung des Bürgermeisters noch verstärkt wurde. Dadurch blieben der Stadtverwaltung wie der Bevölkerung viele Reibungen erspart …

Das Vorzimmer des Bürgermeisters war in den ersten 10 Wochen unserer Tätigkeit von früh bis spät mit Besuchern gefüllt. Da sich bis zum Juni auch die amerik. Kommandantur in dem unteren Geschoß des Rathauses befand und ein dauernder Verkehr zwischen allen Dienststellen herrschte, da zudem Ausländer aller Nationen ihre
Vertreter mit Wünschen sandten, dauernd nach Herrn Dr. Schaffeld fragten, der die Betreuung der Ausländer übernommen hatte, so war oft an eine ruhige Arbeit nicht zu denken. Das wurde erst besser, als die amerikanische Besatzung durch die englische abgelöst wurde und das „Frauenschaftshaus“ [Am Markt 2], bisher von der amerik. CIC
belegt, Sitz der all.[iierten] Militärregierung wurde.

Die Arbeitskraft der Männer, die sich seit dem 24. April in der Leitung der städtischen Geschäfte aufrieben, wurde oft bis zum Zerreissen der Nerven angespannt. Und es darf nicht vergessen werden, daß alle auch in ihren Privatwohnungen bis spät abends Besucher zu empfangen hatten. Zahllos waren die Besucher, die wegen Beschlagnahme ihrer Wohnungen sich an den Bürgermeister wandten, zahllos die Klagen über Beschlagnahme von Gegenständen des täglichen Lebens, zahllos die Klagen über Diebstähle und Überfälle durch Ausländer; und in den ersten Monaten war die Stunde von 8–9 Uhr früh täglich ganz ausgefüllt durch die Polizeiberichte, die Herr Altenhoff gab. Leider muß verzeichnet werden, daß die Überfälle, besonders die Erschießungen, in den letzten Wochen zahlreicher waren als zur Zeit der amerikanischen Autorität …

Soweit förmlich Ratssitzungen stattfanden – und in den ersten 8 Wochen versuchten wir, diese täglich ab 15 Uhr durchzuführen, aber meist vergeblich, und abends musste der Schluß der Ausgehzeit pünktlich beachtet werden –, beschäftigten sich diese mit den Fragen: 1. Wie sind Wünsche und Ansprüche der Besatzung und Ausländer
erfüllbar? 2. Wie schaffen wir Lebensmittel und Arbeit für unsere Volksgenossen? 3. Wie reinigen wir Stadtverwaltung, Behörden und Betriebe von nationalsozialistischen Elementen? 4. Wie bannen wir die Not, die durch die Ausländer entsteht? 5. Wie lassen sich die Bestände derjenigen NSV–Lager für die Stadt sichern, die noch nicht geplündert sind?

Arbeitsamt, Bahn, Post wurden unter Widerständen umgeschaltet. Für die Bereinigung der Behörden schalteten sich Regierung, Oberpräsidium und Wirtschaftskammer ein. Ein befriedigendes Ergebnis ist noch heute nicht erzielt. Die Läden der Stadt wurden nicht geöffnet, um zu verhüten, daß die Ausländer plünderten wie in den ersten Tagen. Mit Zustimmung der Amerikaner und später auch der Engländer wurden nur für die Lebensmittelgeschäfte Verkaufszeiten festgesetzt.

Unsere Sorge galt stets besonders dem Walzwerk. Wir wissen, daß vom PW das Gedeihen unserer Stadt abhängt; …, wir wissen, daß Peine ohne das PW zum Rang einer mittelalterlichen Stadt herabsinkt. Stadt und Kreis haben daher gleichermaßen Herrn Dr. Bode versucht zu unterstützen bei Versuchen, das Werk wieder in Gang zu setzen; aber Anträge und Denkschriften allein tun es nicht …. Ein kleiner wirtschaftlicher Lichtblick war die Tatsache, daß die große deutsche Baufirma „Beton und Monier“ ihren Sitz in unsere Stadt legte und damit manchen Kleinbetrieben Aufträge und Arbeitern Verdienst schafft. Wir hoffen, daß die Firma sich gut entwickeln wird und hoffen, daß andere folgen.

Wir wissen, und dieser Gedanke ist stets von uns allen betont worden, daß unsere Arbeit für das Wohl der Stadt nur dann segensreich sein kann, wenn wir ehrlich und vorbehaltlos zusammenarbeiten mit der Macht, der wir unterstellt sind. – Die Zusammenarbeit aller war stets von gegenseitigem Vertrauen getragen und stets reibungslos.
Am 7.8.1945“

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, Militärregierung 1945-1948, Rep 08/12

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2005“ Stadtverwaltung und Besatzungsmacht 1945