Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel am Pferdemarkt 1836

Archiv Sonderblatt 4/2016

von Michael Utecht

Im frühen 19. Jahrhundert, als der Friedrich-Ebert-Platz noch weit vor den Toren der Stadt lag und den Peinern schlicht als „Pferdemarkt“ geläufig war, betrieb dort Christian Düvel (Düwel) seine Gastwirtschaft. 1811 hatte er sie in seinem Garten als Ausflugslokal errichtet – ein Ort, an dem später die Peiner Festsäle entstehen sollten. Damals war es weit und breit das einzige Gebäude. Im weiten Rund erblickte man nur Felder und Gärten, die sich südlich der Stadt ausdehnten und noch nicht durch Bahngleise zerschnitten und abgetrennt waren.

Die Gaststätte allein reichte Düvel als Lebensunterhalt aber nicht und so hielt er – wie die meisten Peiner Bürger – nebenher noch ein wenig Vieh, darunter einige Schafe. Damit beim „Hüten und Weiden“ des Viehs der Stadtbürger alles mit rechten Dingen zuging, gab es eine offizielle städtische Kommission, die auf die Einhaltung der Regeln zu achten hatte.

Zu diesen sogenannten „Weidedeputierten“ zählten 1836 namentlich die Herren Budde, Frühling, Eggers und Rump. Am 12. September jenes Jahres nahmen sie an der Magistratssitzung „auf Einladung“ teil, denn sie hatten eine Beschwerde vorzutragen, die unter Punkt Vier der Tagesordnung behandelt wurde: „Die Weidedeputierten bemerkten, daß Düwel auf dem Pferdemarkte 10 Schafe vor den Schäfer treibe und da derselbe als Anbauer kein Recht habe, Schafe vorzutreiben, so glaube man, dieserhalb Anfrage machen zu müssen. Es wurde hierauf beschlossen, dem Schäfer bei 5 Rt [Reichstaler] Strafe aufzugeben, die Schafe des Düwel sofort zurückzuweisen, auch solle diese Verfügung dem g.[enannten] Düwel eröffnet werden.“

Stadtschafmeister Welge erhielt ebenfalls entsprechende Anweisung, die Düwelschen Schafe „nicht ferner in der Heerde zu behalten […] und hüten zu lassen“.

Gastwirt Düvel nahm das nicht widerspruchslos hin. Umgehend wandte er sich an den „wohllöblichen Gesamt-Magistrat der Stadt Peine“, um seine Sicht der Dinge zu schildern.

„Höchstbefremdend war es mir“, schrieb Düvel, „daß durch den Rathsdiener Eggert am Abend des 24. Septembers d. J. unter Verlesung eines von dem Herrn Senator Ebeling unterschriebenen Mandats mir anbefohlen wurde, meine Schafe nicht ferner auf die hiesige Weide vor den Hirten zu treiben.“ Obendrein habe ihm Schafmeister Welge schon Tags darauf seine „10 Stück Schafe und 4 Stück Lämmer […] ins Haus zurückgebracht.“

Und das alles, obwohl er inzwischen das Bürgerrecht erworben habe. Außerdem müsse er „alle Bürgerlasten mittragen“, war sogar schon freiwillig „einem Prozesse wegen Hud und Weide gegen die Dammbürger beigetreten“. Überhaupt trage er „wie ein jeder Bürger der Stadt Peine“ alle Lasten und Kosten und könne daher für sich auch dasselbe Recht beanspruchen. Danach stünde nämlich jedem Bürger zu, „15 Stück Schafe vor dem hiesigen Stadtschafmeister auf die hiesige Weide treiben zu können.“ Schließlich reklamierte Düwel ein unstrittiges Gewohnheitsrecht für sich, denn „seit 22 bis 25 Jahren“ habe er seine „Schafe auf solche Weise vor dem Hirten hieselbst auf die Weide ungestört und ungehindert getrieben.“

Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel 1836
Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel 1836
Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel 1836
Stadtansicht von der Südseite 1859, im Vordergrund der heutige Friedrich-Ebert-Platz
Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel 1836
Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel 1836

Das blieb nicht ohne Wirkung. Düvels Bitte an den Magistrat, die Anordnung „sofort wieder nun zurückzunehmen“, bzw. die Weidedeputierten entsprechend anzuweisen,
wurde aufmerksam gelesen und wohlwollend entgegengenommen. Besonders die Angabe Düvels, schon seit mehr als zwanzig Jahren seine Schafe mitzutreiben, beeindruckte die Magistratsmitglieder. Ein elementarer Punkt, den man etwas genauer untersuchen wollte und daher nach Zeugen Ausschau hielt. Fündig wurde man bei der „Witwe Heiniken“, die auf Befragen zu Protokoll gab: „Sie habe bis verflossenen Ostern 18 Jahr auf hiesiger Schaeferei gewohnet, welche sowohl sie, als resp.[ektive] ihr verstorbener Mann, seit jener Zeit in Pacht gehabt hätten. Sie wüßte nun mit Bestimmtheit und könne solches auch erforderlichen Falls beschwören, daß Comparent [= der Erschienene/Anwesende] Düwel seit jener Zeit seine Schaafe ungestöhrt vor den Stadtschafhirten getrieben habe.“

Damit waren offensichtlich alle Zweifel ausgeräumt. Widersprüche oder entgegengesetzte Kommentare zu dieser Aussage finden sich in der Akte jedenfalls nicht. Die Weidedeputierten mussten ihre Anschuldigung zurücknehmen und Gastwirt Düvel konnte seine Schafe wieder wie gewohnt in der Herde von Stadtschafmeister Welge mitziehen lassen. 

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine: RF 252, Nr. 75.

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Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 4/2016“ Streit um die Schafe von Gastwirt Düvel am Pferdemarkt 1836