Währungsreform und Schwarzmarkt 1948

Archiv Sonderblatt 1/2002

von Michael Utecht

Akuter Mangel prägte die Versorgungslage der deutschen Bevölkerung in den ersten Nachkriegsjahren. Erst die Währungsreform in den Westzonen am 20. Juni 1948 – notwendig geworden durch den Verfall der Reichsmark – leitete den allmählichen wirtschaftlichen Wiederaufschwung ein.

Kurz vor dem „Tage X“ steigerte sich die Situation jedoch noch einmal ins Extrem: „Salz und Essig ausverkauft“ lautete eine Schlagzeile am 17.6. In Erwartung der D-Mark hielten zahlreiche Geschäfte ihre Waren zurück oder schlossen gleich ganz: „Die Polizei in Peine musste am Dienstag gegen zahlreiche Geschäfte einschreiten, die wegen Betriebsferien mit und ohne behördlicher Genehmigung, wegen Aufräumarbeiten oder ohne Angabe von Gründen geschlossen hatten … In den Schuhgeschäften drängen sich die Leute vergeblich, um auf ihre Bezugsscheine noch ein Paar Schuhe zu bekommen. Verschiedenen Tankstellen ist das Benzin „ausgegangen“ … Auf dem Schwarzen Markt am Bahnhof kosten die Zigaretten bis zu acht Mark – wenn sie überhaupt zu haben sind.“

Dagegen verlief die Ausgabe des Kopfgeldes von 40 DM je Bürger (im Umtausch 1:1; weitere 20 DM im August) am Sonntag reibungslos: „Zwei Drittel der Ausgabe war schon bis zur Mittagspause erledigt … Den Rekord hat wohl die Ausgabestelle im Rathaus aufgestellt, die in einer Stunde für 83 Personen das Kopfgeld auszahlte … Besonders schnell verlief die Ausgabe in Klein-Ilsede und Handorf, weil dort die Junggesellschaften unter Anteilnahme der Einwohner Abschied von der Reichsmark feierten. In Handorf hatten die Besitzer einer Schaukel und einer Spielbude in kurzer Zeit fast das ganze Kleingeld des Dorfes in ihre Kassen gezogen.

Schwacher Besuch wurde für den Schwarzen Markt am Bahnhof ausgemacht, der „schon deutsche Zigaretten für Deutsche Mark anbot, und auch für eine halbe Mark das Stück kleine Mengen los wurde“ (HP, 22.6.1948).

Der auch in Peine blühende Schwarzhandel hatte seinen Höhepunkt zwar überschritten, doch herrschte noch rege Betriebsamkeit – ein Zustand, der dem Peiner Polizeikommandanten ein Dorn im Auge war.

Wie die Hannoversche Presse am 26. Juni meldete, hatte er „dem Schwarzen Markt am Bahnhof den Kampf angesagt. Dreimal an einem Tage umstellte die Polizei das Bahnhofsgelände von allen Seiten, trieb sämtliche Zivilisten in der Bahnhofshalle zusammen, sortierte kurz die Unverdächtigen aus und fuhr den Rest, jedesmal 40 bis 50 Personen, in Lastwagen, beim letzten Mal sogar in einem Möbelwagen, zur Polizeiwache“. Bei der äußerst gründlichen Untersuchung „wurden unter anderem sichergestellt: Eine Pistole, 10 Pfund Kaffee, acht Pfund Kakao, 400 Zigaretten, 200 Rasierklingen, Feuersteine, Nähgarn, Zigarettenpapier und Gewürze.“

Für zwielichtige Gesellen war der Schwarzmarkt ein gewinnbringendes Betätigungsfeld. Die Mehrzahl der Schwarzhändler rekrutierte sich allerdings aus Personengruppen, die aufgrund von Kriegsversehrtheit oder Krankheit keiner regulären Arbeit nachgehen konnten und sich so über Wasser zu halten versuchten.

Denn die Lebensmittelrationen blieben bis zum Sommer 1948 unter dem Existenzminimum. So wurden alle legalen und illegalen Möglichkeiten ausgeschöpft, um zusätzliche dringend benötigte Lebensmittel zu beschaffen, wie etwa durch Sammeln von Wildfrüchten, Gartenwirtschaft (Kartoffeln, Gemüse, Tabak), Tauschgeschäfte, Hamsterfahrten, Diebstähle auf Feldern und Weiden, Schwarzschlachtungen und Schwarzer Markt. 

Von den oben erwähnten Polizeieinsätzen ließen sich einige daher nicht schrecken: „Verschiedene waren bei jeder der drei Verhaftungswellen wieder mit dabei.“

Die Hauptursache des Schwarzmarktes, das Gewünschte legal weder gegen Reichsmark (offizieller Kurs 1 RM = 0,30 Dollar; inoffiziell 1 RM = 0,01 Dollar) noch gegen Bezugsscheine erwerben zu können, wurde mit der Einführung des neuen Geldes im Juni beseitigt. Bereits am gleichen Sonntag waren die Schaufenster der Läden
mit bisher zurückgehaltenen Verbrauchsgütern gefüllt.

Ein erster Stimmungsbericht zur neuen Währung fasste am 26.6. das Geschehen in Peine zusammen: „Käuferansturm im Rausch des neuen Geldes – Zwei tolle Wochen gehen zu Ende; die eine war dadurch bemerkenswert, daß jedermann für sein altes Geld noch rasch kaufte, hastig und wahllos und sogar die ältesten und nutzlosesten Ladenhüter; die zweite Woche fing damit an, daß fast jedermann auch für sein neues Geld rasch einkaufte, ebenso hastig und beinahe ebenso wahllos, aber keine Ladenhüter, sondern Ware, die man vor dem Währungstermin kaum noch zu sehen bekommen hatte… Sehr sehr vielen juckten die neuen Scheine in den Fingern, stachen die Stapel an Gebrauchsgeschirr und Hausrat in den Augen. Endlich konnten die Familien der Flüchtlinge und Ausgebombten Kochtöpfe, Einmachgläser, Schalen, Teller und Tassen erwerben, endlich gab es Fahrradbereifungen und komplette neue Fahrräder, aber hinter der Freude über dieses und anderes mehr hockte die Angst, es könnte morgen schon wieder alles vorbei sein“.

Währungsreform und Schwarzmarkt 1948
Währungsreform und Schwarzmarkt 1948
Währungsreform und Schwarzmarkt 1948
Peiner Anzeigenaushang 18.06.1948
Währungsreform und Schwarzmarkt 1948
Peiner Anzeigenaushang 18.06.1948

Während ein Peiner Kaufhausinhaber den sprunghaft gestiegenen Geldumlauf gegenüber der Presse so kommentierte: „Ich bin neugierig, wer es länger aushalten wird; das Geld oder unsere Ware. Die Hauptsache ist, daß das Geld erst einmal in Umlauf kommt“ – plagten andere, wie z.B. eine Evakuierte mit der Kopfquote ihrer fünf Kinder, existentiellere Sorgen und die Qual der Wahl: „Soll ich mir zuerst ein Fahrrad, einen Kochherd oder Butter am Schwarzen Markt kaufen?“ (HP, 24.6.1948).

Manch einer gab sein Geld allzuschnell aus: „Schon folgt dem Rausch die Ernüchterung, der Besitzfreude das gähnende Nichts, und schließlich bleibt nur noch der Weg zum Wohlfahrtsamt“. Eine gefährliche Entwicklung, die den „Hauptausschuß der Peiner Ratsherrenversammlung“ veranlasste, „gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer eine Besprechung mit den leitenden Kräften des Einzelhandels anzustreben … Man war in der Besprechung einhellig der Meinung, von nun an auch im Warenangebot etwas rationeller zu verfahren, um zur Erhaltung der Kaufkraft auf lange Sicht beizutragen, damit das kaufende Publikum sich besser an richtiges Disponieren gewöhnen kann“
(HP, 26.6.1948).“ – Der maßvolle Umgang mit der neuen Deutschen Mark wollte erst gelernt sein.

Entbehrlich geworden war jetzt der bis dahin verbreitete – legale – Tauschhandel. Ein Blick in den „Peiner Anzeigen-Aushang“ zeigt das abrupte Ende. Gab es im Juni noch zahlreiche Biete-Suche Inserate wie folgende: „Biete Cello – Suche Faltboot“; „Biete Gans mit zehn Gänseküken – Suche Herrenfahrrad“; „Biete neuwertigen Kinderwagen – Suche Jung-Hühner“, – waren die Tauschanzeigen schon im Juli aus den Anzeigenspalten verschwunden – abgelöst von der Rubrik „Verkäufe“

Die Währungsreform 1948 hatte einen grundlegenden Wandel im wirtschaftlichen Leben bewirkt – wenig vergleichbar mit dem aktuell vollzogenen Umtausch der DM in Euro. Von unbestreitbar vorhandenen Risiken abgesehen: im Gegensatz zur Geld-Entwer- tung 1948 (mit einer Abwertung der Sparguthaben im Verhältnis 100 : 6,5) handelt es sich um einen 1:1 – Umtausch. Außerdem ist ein mehr als reichhaltiges Warenangebot längst vorhanden und bleibt in seinem Bestand vom Euro unberührt.

Der konkrete Umgang mit der neuen Währung bedarf dagegen einer mehr oder minder langen Gewöhnungsphase. Die Bezeich- nungen Cent und Euro kommen vermutlich nicht jedem gleich wie von selbst über die Lippen. Und es wird noch etwas dauern bis die spontane intuitive Einschätzung des Preis-Leistungs-Verhältnisses wie gewohnt und ohne vorgeschaltete Umrechnung in Mark und Pfennig funktioniert. Schließlich gilt es sich auch psychisch zu wappnen gegenüber den auf den ersten Blick Billig-Angebote ver- heißenden neuen Preisauszeichnungen in Euro.

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine – Hannoversche Presse, 1. Halbjahr 1948 – Peiner Anzeigen-Aushang, Juni/Juli 1948 – Deutsche Geschichte in Schlaglichtern. Mannheim, Wien, Zürich 1990 – Niedersachsen, Streiflichter aus 50 Jahren. Hannover 1996.

Stadt Peine | Stadtarchiv | Windmühlenwall 26 | 31224 Peine Telefon: 05171/49-538 | Fax: 05171/49-390 Internet: www.peine.de

Der Text stammt aus dem Flyer „Archiv Sonderblatt 1/2002“ Währungsreform und Schwarzmarkt 1948