„Winterkrise“ 1946/47

Archiv Sonderblatt 1/2003

von Michael Utecht

Das Jahr 1947 begann als extremes Mangeljahr. In den ersten Nachkriegsjahren war die Versorgungslage der deutschen Bevölkerung ohnehin äußerst angespannt. Nun wurde die Situation zusätzlich verschärft durch einen äußerst strengen und schneereichen Winter.

Die „Winterkrise“ war im Januar 1947 beherrschendes Pressethema: „Kältewelle über ganz Europa“ – „Der zweite Kälteeinbruch dieses Winters beginnt sich zu einer Katastrophe auszuwachsen“ – „Kohlenvorräte fast völlig erschöpft“ – lauteten einige der Schlagzeilen in der Hannoverschen Presse (HP). (Die HP war neben den einmal wöchentlich erscheinenden Peiner Mitteilungen die damals hier verbreitete lokale Tageszeitung).

Natürlich gab es Schuldzuweisungen für den bedrohlichen Versorgungsnotstand. Die Militärregierung machte allein „General Winter“ verantwortlich: „Der Kälteeinbruch ist früher gekommen als wir erwartet haben. Große Mengen Kohlen sind in den Kanälen eingefroren. Ein Transport mit der Eisenbahn ist nicht möglich, weil zu viele Lokomotiven defekt sind“ (HP, 7.1.1947).

Dagegen sah der niedersächsische Wirtschaftsminister Kubel in mangelhafter Planung und Versäumnissen der Militärregierung den Hauptgrund für die Misere. Mit der
Wintervorsorge sei zu spät begonnen worden und: „Man hat uns gewaschene Kohle geliefert, die, weil sie naß war, gefroren ankam. Dieser Umstand hat in den Staubmühlen
der Reichswerke ganz erhebliche Schäden angerichtet, die … die Kapazität der Reichswerke von 130 000 auf 30 000 Kilowatt herabgedrückt haben“ (HP, 7.1.1947).

Die Auswirkungen waren überall direkt spürbar. Für den Peiner Handel galten verkürzte Ladenschlusszeiten: „Textilgeschäfte, Eisenwarengeschäfte, Papierwarengeschäfte und Buchhandlungen sind nur noch vormittags von 9 bis 12 Uhr geöffnet“ (HP, 7.1.1947). Den übrigen Geschäften wurden ähnlich kurze Öffnungszeiten verordnet.

Ihren Betrieb aufrecht erhalten durften die Herrenfriseure,nur für  das weibliche Geschlecht sah es trübe aus: „Die Damenfriseure müssen aufgrund der Stromeinschränkungena uf jeden Fall schließen“ (HP, 14.1.1947).

Auch der Kulturbetrieb litt unter der Kälte. Eine Aufführung der Niedersachsenbühne von Schillers „Turandot“ stand „leider unter ungünstigen Sternen. Die Kältestrapazen der langen und mühsamen Reise von Goslar über Braunschweig nach Peine und andere widrigeUmstände, dazu ein fast ungeheizter Theatersaal, der die Zuschauer nötigte, sich in Mäntel und Decken zu hüllen, dies zusammen schuf … eine wortwörtlich frostige Atmosphäre“ (HP, 14.1.1947). In der Peiner Stadtbücherei wurde „aus Stromersparnisgründen“ die Ausleihzeit begrenzt: „Mittwoch von 11 bis 13 Uhr und an den übrigen Wochentagen von 12 bis 15 Uhr“ (HP, 14.1.1947).

Die neu gegründete Volkshochschule blieb ebenfalls nicht verschont. Nachdem am 15. Januar 1947 das 1. Trimester nach dem Krieg begonnen hatte, musste der Lehrbetrieb aufgrund des Kohlenmangels bereits nach eineinhalb Wochen wieder eingestellt werden.

Die Brennstoffversorgung war auch im Peiner Kreistag einzentrales  Thema. Eine Stellungnahme lieferte „als Berichterstatter des Wirtschaftsamtsausschusses der Abg.[eordnete] Enk – Peine (CDU). Der Bevölkerung des Kreises habe nicht das an Brennstoffen gegeben werden können, was ursprünglich in Aussicht gestellt worden sei, zumal der Kreis Peine, als der Winter eintrat, über keinerlei Reserven verfügt habe. Jetzt würden die Kohlenzüge aus dem Westen unterwegs beraubt, aber die halbleeren oder leeren Waggons würden dem Kreise voll auf sein Kontingent angerechnet … Bei der Gewinnung von Holz und Torf seien außerordentliche Schwierigkeiten in der Beschaffung von Arbeitskräftenund deren  Bekleidung und Unterbringung und vor allem enorme Transportschwierigkeiten zu überwinden.“ (HP, 28.1.1947).

Mit der Versorgungskrise setzte sich der Peiner Rat bereits im Dezember 1946 intensiv auseinander. Im Mittelpunkt der Debatte stand neben dem nach wie vor bedrückendenen Flüchtlingsproblem und der damit verbundenen Raumnot die Brennstoffversorgung und die aus der Not heraus entstehende Kriminalität: „Die Sicherheit der Stadt ist gefährdet … Es werden Fensterscheiben eingeworfen, es wird eingebrochen. Die Kohlenzüge an der Eisenbahn werden geplündert. Auf dem Hofe der Gasanstalt liegen Hunderte von Zentnern von Koks. Warum wird dieser Koks nicht an die Bevölkerung verteilt? Was macht eigentlich unsere Polizei?“ empörte sich ein Ratsmitglied.

Winterkrise“ 1946/47
Winterkrise“ 1946/47
„Winterkrise“ 1946/47
Peiner Mitteilungen, 1.2.1947
Peiner Mitteilungen, 1.2.1947
Peiner Mitteilungen, 1.2.1947

Ratsherr Balbiani steuerte ebenfalls eine Episode bei, um darauf hinzuweisen, „wie schlecht es um die Sicherheit der Stadt bestellt ist. Am letzten Sonnabend ist ein Landser hier auf dem Bahnhof mit seinem Gepäck angekommen. Er fragte zwei junge Burschen: „Wo ist die Wallstraße?“ Diese zweijungen Burschen, denen sich noch zwei zugesellten, erklärten sich bereit, ihn zur Wallstraße zu bringen, führten diesen Mann in die dunkelsten Viertel der Stadt und nahmen ihm alles, aber auch alles ab. Zudem haben sie ihn noch geschlagen.“

Bürgermeister Seidensticker hatte wenig Einfluss, um die kritisierten Zustände zu beheben. Er hatte zwar mit dem Leiter der Polizei verhandelt, aber: „Die Polizei untersteht
nicht mehr der Stadt.“ Vor allem war sie chronisch unterbesetzt: „Ich glaube, wir haben nur 29 Polizeibeamte. Ein Teil muß Tagesdienst machen, also bleibt für die Patrouille in der Nacht nicht viel übrig.“

Um die Koksverteilung war es nicht anders bestellt, wie Seidensticker erklärte: „Mit der Feuerung ist es letzten Endes so, daß die Stadt nicht zuständig ist, sondern die Kohlenstelle. Den Koks können wir gar nicht verteilen. Es fehlt uns jede Handhabe.“

Man musste sich mehr oder weniger auf Verhandlungen mit den zuständigen Stellen und auf Resolutionen beschränken. Ein Aufruf, der in der HP und den Peiner
Mitteilungen veröffentlicht wurde, appellierte an die Peiner Bevölkerung Hilfe zu leisten (s. Abb.).

Viele der Frierenden mussten dennoch zur – unerlaubten – Selbsthilfe greifen. Sie besorgten sich Brennstoffe durch Diebstahl. Als „fringsen“ ging die illegale Beschaffung von Nahrungsmitteln und Heizmaterial damals in den Sprachgebrauch ein. (Der Kölner Kardinal Frings hatte – leicht verklausuliert – den Diebstahl dieser lebensnotwendigen Güter, wenn er aus blanker Not heraus verübt wurde, gebilligt.)

Es waren teilweise lebensgefährliche Unternehmen mit manchmal tragischem Ausgang: „In der Höhe des Peiner Walzwerks … hielt ein Kohlenzug, der viele Personen dazu
verlockt hatte, sich mit Brennmaterial zu versorgen.“ Als zwei Züge gleichzeitig den Bahnhof passierten, gelang es zwei Frauen nicht mehr, sich rechtzeitig von den Gleisen zu
entfernen. „Sie wurden von den Zügen erfaßt und so schwer verletzt, daß auf der Stelle der Tod eintrat“ (HP, 31.1.1947).

Bezugsquelle: Stadtarchiv Peine, – Ratsprotokolle Dez. 1946; Hannoversche Presse, Jan. 1947; Peiner Mitteilungen Nr.1, 1947; Buhmann, D.: Volkshochschule – 50 Jahre in Peine. In: Peiner Heimatkalender 1997

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